Cordyceps sinepsis

Unbenannt (25)
((Hier mein kleiner Halloweentext! Ich möchte auch mal anmerken, dass es ab einem gewissen Punkt gewisse Ähnlichkeiten zu vergangenen, historischen Ereignissen gibt. An diese soll einfach etwas Tribut gezollt werden. Auf keinen Fall sollte das verherrlicht werden.))

Es ist leicht windig. Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Horizont. Die Bäume verlieren ihre ersten Blätter, sie färben sich blutrot.

“Kindchen, willst du eine Geschichte hören?

Es war einmal, vor vielen Jahrtausenden, da war dieses Land noch nicht einmal bewohnt, da streifte hier ein kleiner Falter umher. Er war wunderschön, hieß es. Seine Flügel schimmerten in einem edlen Gold, sein Körper war fast schon silbern funkelnd und die Spitzen seiner Fühler hatten den Glanz eines Smaragdes. Er war fast zu schön um wahr zu sein.

Du, Kindchen, wirst ihn vielleicht auch noch sehen. Jahrhundertelang war er ein Mysterium. Er hatte keine Heimat, er flatterte fast schon wie von einer fremden Macht kontrolliert von Stadt zu Stadt, über jedem Wald erkannte man sein Schimmern in den Nächten. Er führte Schiffe mit seinem Glanz über die Meere, sodass diese immer sicher ihr Ziel erreichen. Das hört sich wunderschön an, nicht?”

Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden am Himmel, das blutrot der Blätter wurde zu einem toten schwarz. Ein leichter Wind zieht auf, der dir einen Schauer über den Rücken jagt. Sie schließt das Fenster für dich.

“Kindchen, sag doch, wenn dir kalt ist. Ich will nicht, dass du dich erkältest. Wo waren wir? Genau, beim Meer. Die Seefahrer vertrauten dem Falter nach einer Weile blind. Er schien für sie etwas wie ein Schutzgott zu sein. Ein Schutzgott, welcher immer sein Ziel erreichte. Nie traf ein solches Schiff auf blutrünstige Nymphen oder gewaltige Seeungeheuer. Es war immer eine stille, ja fast schon gespenstisch ruhige Fahrt.

Alle Männer, alle Frauen und sogar jedes Kleinkind wusste irgendwann von dem Schutzpatron. So wurde er genannt, ein Heiliger in Form eines Schmetterlinges, welcher Frieden bringen sollte. Aber weißt du was? Die Heiligen der Kirche waren sich unschlüssig. Nirgends in Ihren Schriften stand etwas von einem Falter. Waren sie etwas Neuem auf der Spur? Kardinäle waren der Meinung, es handle sich um den Geist des Sohn Gottes, welcher wieder zu uns auf den Planeten kam. Das Oberhaupt der Kirche, der heilige Papst jedoch, konnte sich zu keiner Entscheidung ringen. Somit blieb es dabei, dass es der heilige Schutzpatron der einfachen Bürger blieb.”

Du möchtest kurz etwas sagen, deine Kehle fühlt sich jedoch etwas ausgetrocknet an. Du hast lange nichts mehr getrunken. Sie merkt das und sieht dich besorgt an, steht auf und kommt wenig später mit einem Glas, in welchem eine durchsichte Flüssigkeit schwimmt, wieder zurück.

“Kindchen, du sollst mir doch immer Bescheid geben, wenn du etwas brauchst. Trink ruhig, dann geht es dir wieder besser. Aber das passt eigentlich ganz gut. Denn weißt du was? Das ist in der Geschichte fast genauso passiert. Der Schmetterling hatte eine Botschaft für die Menschen, keiner jedoch konnte ihn hören. Denkst du, hätte man ihm ein Glas Wasser angeboten, hätte er auch gesprochen?”

Ein krächzendes Lachen kommt aus ihrer Kehle. In deinem Augenwinkel siehst du, wie an der linken, oberen Zimmerecke eine schwarze, behaarte Spinne ihre Beute verspeist. Bei ihrem Lachen jedoch bleibt sie starr stehen, richtet den Blick auf dich und verbleibt so. Es beobachten dich jetzt keine 2, sondern 10 Augen. Sie beobachten, ob du etwas zu sagen hast. Du schweigst.

“Er hätte natürlich nichts gesagt. Warum sollte er auch? Er war ein Falter. Ein Falter.

Ein.

Dummer.

Kleiner.

Törichter.

Falter.

Erst nach vielen Jahren ging es los. Der Falter war nur noch auf dem Meer zu sehen. Das fanden viele natürlich schade, immerhin wurde er so immer mehr zum Mythos als zur Wahrheit. Einige dachten auch, dass sie ihn verärgert hätten. Diese Gruppe wurde jedoch immer kleiner, bis sich kaum noch einer um ihn scherte. Warum sollte man denn auch? Immerhin gab es viel Wichtigeres zu tun, als ein schwirrendes Insekt zu suchen. Aber weißt du was? Er machte sich von selbst bemerkbar. Am dreizehnten Tag des zehnten Monats hatte jeder Seemann, jeder Sklave, jeder Händler und jede Schankmaid die den Flügler auf hoher See gesehen hatte, ein schwarzes, kleines Mal auf der rechten Brust.

Es war wie ein Wunder, diejenigen wurden heiliggesprochen, jeder einzelne davon. Man wusste immer noch nicht wirklich viel darüber, die Betroffenen klagten über nichts, ihnen ging es wie immer. Selbst in Zeiten großer Depressionen. In Zeiten in denen die Pest das Land heimsuchte, in denen das Vieh starb und in denen die Ernten ausfielen. Diesen Menschen ging es immer blendend. Somit war man sich einig. Diese sind gesegnet. Sie sollen das Erbe zukünftiger Generationen hervorrufen. Alles andere wurde unrein gesprochen.”

Die Spinne kann sich langsam wieder rühren. Zu deinem Leidwesen. Langsam aber bestimmt krabbelt sie die Wand entlang. Jedes ihrer acht Beine bewegt sich wie von Zauberhand, bis sie plötzlich am Bettgestell sitzt. Du möchtest dich aufsetzen, etwas sagen, doch der Knebel und die Gurte halten dich weiter ans Bett gefesselt. Der Wind vor dem Fenster wird stärker. Man hört einzelne Dielen knarzen und Türen quietschen.

“Kindchen, du musst doch keine Angst vor der Spinne haben. Sie beobachtet doch nur, wie ihre Beute kämpft. Das machen Spinnen eben so. Also, du hast mich aus dem Konzept gebracht. Wir waren bei den nächsten Generationen. Es war verboten, dass Paare miteinander schlafen, wenn keiner der Beiden ein solches Mal trug. Man könnte von einem Faschismus reden, der die Runde machte. Viele Paare konnten und wollten sich jedoch nicht daran halten. Kurzerhand beschloss die Regierung in Einklang mit dem Klerus, jede unreine Familie, welche keinem hohen Amt angehört ohne Widerspruch zu enthaupten. Man könnte meinen, die Jagd sei eröffnet worden.

Von Haus zu Haus zogen die Menschen mit dem Schmetterlingsmal und schlugen alles und jeden Nieder, der als unrein erklärt wurde. Sie wurden ermordet, vergewaltigt und ausgeraubt. Ganze Dörfer und Städte wurden niedergebrannt. Kinder wurden ohne Skrupel in Massen auf hoher See über das Deck geworfen, Männer und Frauen arbeiteten bis zu Tode in Arbeitslagern. Binnen weniger Jahre gab es kaum noch unreine Menschen. Es war wie eine perfekte Welt.”

Die Spinne krabbelt langsam dein Bein hinauf. Panisch reißt du deine Augen auf. Auf deiner Brust jedoch bleibt sie stehen. Sie sieht dir mit ihren glasigen Augen in deine. Die Frau fährt dir mit ihren eiskalten Händen über deine knöchrige, ausgehungerte Wange. Ihre scharfen Fingernägel brennen auf deiner geschundenen Haut.

“Und schlussendlich war die Welt perfekt. Das einfache, unreine Volk wurde ausgelöscht. Und das nur wegen eines Schmetterlinges. Das ist wirklich unvorstellbar. Aber weißt du was? Genau das hatte der Schmetterling sich gewünscht. Den nun hatte jedes Kind, jeder Enkel und jeder Urenkel ein und dasselbe Mal auf der rechten Brust. Er hatte sich für immer in das Leben des Landes gebrannt.

Nur leider nahm die Geschichte kein so schönes Ende, da sie hier noch nicht aufhört. In der verheerenden Nacht vom dreißigsten auf den einunddreißigsten des zehnten Monats beklagte jeder einzelne Bürger furchtbarste Schmerzen. Als ob sie von innen aufgefressen wurden. Von außen hin sah jeder gesund aus. Erst bei den ersten Aderlässen wurden furchterregenden Folgen sichtbar. In jedem Körper der Menschen wimmelte es von Gold schimmernden Raupen, welche sich von ihren Wirten ernährten. Einer nach dem anderen brach zusammen. Die Menschen lösten sich binnen einer einzigen Nacht zu leeren Hüllen aus Haut und Knochen auf. Aus den Körperöffnungen flogen unzählige, goldene Schmetterlinge davon.”

Sie klappt das Buch zu und steht auf.

“Kindchen, und heute darfst du auch einer von ihnen werden.”

Sie verlässt den Raum und kommt mit einem Gefäß zurück. In ihm schwirrt ein Falter mit goldenen Flügeln, silbernem Körper und smaragdfarbenen Fühlern. Sie öffnet das Gefäß und setzt den Schmetterling, welcher ihr gehorsam unterliegt, auf deiner Brust ab. Unzählige Augen beobachten dich. Zwei Augen der Frau, acht Augen der Spinne und die hunderten Augen des Falters.

“Kindchen, ich muss jetzt gehen. Die kleine Spinne hier hat Raupen zum fressen gerne. Schrei bitte nicht zu laut. Sonst weckst du die anderen Kinder noch auf.”

Die Türe schließt sich und das erste was du wahrnimmst, sind die haarigen acht Beine, welche über deine Lippe fahren. Es ist tief in der Nacht. Der Mond wird von den Wolken verdeckt.

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