Das Fauchen der Berge - die Drachenspitze

„Nun… es begann alles an einem sonnigen Tag im Herbst. Ich war gerade dabei meiner Mutter zu helfen als-“

“Ach, Mutter. Nun erzähl den Kindern doch nicht schon wieder diese alberne Geschichte. Hast du nichts anderes in deiner Kindheit erlebt mh? Entschuldige, aber bald kann ich die Geschichte selber erzählen.“ sagte eine Dame in ernstem Ton ehe sie sich erhob und zu einem kleinen Ofen ging um nach dem Tee zu schauen.

Ihre Mutter, eine ältere Dame in braunem Mantel und mit weißen Haaren, schaute in die Runde der großen Kinderaugen, welche alle zu ihr auf blickten. Ein blonder Junge meldete sich zögerlich und nachdem sie ihm zunickte begann er zu sprechen. „Ich würde die Geschichte gerne hören. Ich kenne sie noch nicht, Frau Braunstein.“ sagte er und biss sich auf die Lippe. Er hatte keine Angst vor der alten Frau Braunstein, doch sie ist die älteste Frau des Dorfes und sein Vater erklärte ihm mal, dass er sie immer mit Respekt und Vorsicht behandeln müsse.

Frau Braunstein lächelte ein wenig und lehnte sich in ihrem Stuhl vor. Ein kaum vernehmbares Knarzen war von dem heruntergekommenen Holzstuhl zu hören. „Dann erzähl ich die Geschichte jetzt nur für dich, Anselm.“ flüsterte die alte Frau. Sie lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Ihre Gedanken reisten in diesen paar Sekunden um Jahre zurück. An einen Ort, nicht weit entfernt von dem Haus in dem sie sich gerade befanden.

Es war wirklich ein warmer Tag im Herbst. Die Bäume fingen gerade an ihre Blätter abzuwerfen. Die Natur führte wohl ein Theaterstück mit dem Namen „Die Vielfalt der Farben“ auf. Wo auch immer man hinsah, Farben erleuchteten die Umgebung. Die grünen Weiden erstreckten sich über die Berge und die orangenen Baumkronen waren kaum von der güldenen Sonne zu unterscheiden.

Die junge Marianne war gerade dabei ihrer Mutter zu helfen Äpfel von den Bäumen an ihrer Weide zu pflücken. Dieses Jahr hatten sie großes Glück mit der Ernte und sie mussten mehrmals von den Feldern zu ihrem Lager laufen um die Körbe an Äpfeln zu lagern.
Die Sonne war gerade dabei unterzugehen und Marianne brachte den letzten Korb in das Lager als ihre Mutter zu ihr sprach. „Marianne, wärst du so lieb und fragst Konstantin ob er zum Fluss laufen kann um uns neues Wasser für die Wäsche zu besorgen?“ fragte Mariannes Mutter mit ihrer sanften Stimme. Marianne nickte nur und nahm den leeren Bottich aus der Kammer neben der Küche. Sie ging aus dem Haus und schaute sich um.

Neben dem Haus sah sie ihren Bruder mit seinen Freunden kämpfen. Sie kämpften nicht wirklich, sie übten nur. Ihre Väter waren derzeit im Lande unterwegs um die ketzerischen Kreaturen, Orks, zur Strecke zu bringen. Konstantin und seine Freunde wollten ihre Väter sobald wie möglich bei ihren Kämpfen unterstützen. So übten sie ohne Ende.

Marianne schüttelte etwas den Kopf und seufzte. „Ich bin kein kleines Kind mehr und stark bin ich auch geworden. Den Bottich kann ich auch alleine füllen“ flüsterte sie mehr zu sich selbst als zu jemandem bestimmten. Mit erhobenem Kopf ging sie entschlossen in die Richtung des Flusses. Dort angekommen schöpfte sie das Wasser in den Bottich. Ein Spatz landete auf einem Stück Treibholz und sang ein Lied während Marianne den Bottich bis zum Rande mit Wasser füllte.

Durch ihre Beschäftigung und das Lied des Spatzes, bemerkte Marianne nicht wie sich langsam aber sicher ein Wolf näherte. Es war kein großer Wolf, doch er war hungrig und suchte Nahrung. Schleichend näherte er sich Marianne, die immernoch keinen Schimmer von seiner Präsenz hatte. Sie pfiff vor sich hin und stand langsam auf als der Wolf gerade zum Sprung ansetzte.

Ein dumpfer Aufprall ließ Marianne blitzschnell umdrehen. Sie blickte auf den Boden und sah einen bewusstlosen Wolf hinter sich liegen. Marianne schreckte zurück und hielt sich die Hand vor den Mund. Ein junges Mädchen stand neben dem Wolf, in der Hand eine Keule.

Das fremde Mädchen schaute Marianne neugierig an. „Ich denke ein »Danke« wäre wohl angebracht, nicht wahr?“ sagte die Fremde in spöttischem Ton. Marianne zog eine Augenbraue hoch und nahm schnell den Bottich. „Danke? Entschuldige, aber ich stehe noch etwas unter Schock.“ sagte sie und musterte das Mädchen vor ihr. Ihre Kleidung war ein wenig heruntergekommen und das Mädchen war sehr mager. Marianne meinte das Wappen eines benachbarten Dorfes zu erkennen, doch das konnte unmöglich sein. Ihr Dorf und das benachbarte Dorf waren verfeindet. Ihr Vater sagte stets: „Mit solchen Ketzern, die den Namen unseres Gottes verspotten, wollen wir nichts zu tun haben.“

“Na gern geschehen. Pass mal lieber besser auf dich und deine Familie auf. Man weiß nie wer hier derzeit rumläuft“ sagte die Fremde mit einem Schmunzeln auf ihren Lippen ehe sie sich umdrehte und in den Wald rannte. Marianne wollte ihr gerade noch etwas hinterherrufen, doch blickte sie auf den Wolf herab und entschloss sich dann doch lieber schnell zurück in das Dorf zu kehren.

Als sie am Abend in ihrem Bett lag, dachte sie noch lange an die Vorkommnisse des Tages. Sie wollte wissen wer dieses Mädchen war und was sie zu diesem Zeitpunkt am Fluss tat.
Wenn es wirklich ein Mädchen aus dem Nachbarsdorf war, würde Marianne sie wohl nicht so schnell wiedersehen.

In den nächsten Tagen ging Marianne immer wieder über einen Berg am Ende ihres Dorfes, um auf das Nachbarsdorf zu schauen. Sie erkannte nie viel, da es zu weit weg war, doch sie sah immer eine Gestalt in den Wald laufen. So ging auch Marianne am Tage, als die Sonne noch am Himmel stand, in den Wald und hinunter zum Fluss. Dort war das Mädchen. Sie stand am Ufer und schnitzte.

„He, du!“ rief Marianne als sie näher kam. Das Mädchen schreckte auf und drehte sich um. „Was willst du?“ fragte sie und steckte ihr Messer weg. Marianne verschränkte ihre Arme und blieb stehen. „Was bist du so frech? Ich möchte mich doch nur mit dir unterhalten.“ sagte Marianne und ging ein paar Schritte auf sie zu. Das Mädchen zuckte mit den Schultern. Sie trug an diesem Tage einen braunen Wollpullover und einen grauen Rock. Ihre Haare waren etwas zottelig und ihr brauner Lederbeutel sah so aus als würde er bald auseinander fallen. Marianne erkannte an dem Beutel des Mädchens das Wappen des Nachbarsdorfes. „Du bist also aus Moosbach?“ fragte sie mit neugieriger Miene. Das Mädchen nickte nur.

Marianne wollte schon immer mehr über die Menschen aus dem Dorf wissen. Besonders weil ihr Vater es ihr verbot. Sie wusste, dass sie vermutlich Ärger bekommen würde wenn herauskam dass sie mit einer Moosbacherin sprach, doch es musste ja niemand wissen. Marianne und das Mädchen, welches Hemma hieß, unterhielten sich stundenlang am Fluss. Hemma erklärte ihr, dass sie oft her kam um ihre Ruhe zu haben von ihren jüngeren Geschwistern.

Marianne und Hemma trafen sich täglich. Wenn Marianne ging, erzählte sie ihrer Mutter dass sie Kräuter sammeln war. Wenn sie sich trafen erzählten sie von ihren Dörfern, ihren Familien und ihren Träumen. Gemeinsam spazierten sie durch die Umgebung und lernten neue Gegenden kennen. Hemma hatte gelernt mit dem Schwert umzugehen und sie war tatsächlich recht stark. So machte sich Marianne kaum Sorgen wenn sie gemeinsam unterwegs waren.

Die Blätter der Bäume lagen mittlerweile alle auf dem von Regen bewässerten Boden. Eines Tages waren Hemma und Marianne nicht weit von ihren beiden Dörfern unterwegs. Sie wollten an den Rand der Küste gehen. Es war ein langer Weg, doch die beiden Freundinnen schafften es an der Küste des Landes anzukommen. Sie standen an dem schmalen Ufer und schauten in den Horizont. Hemma erzählte gerade davon, dass ihr Vater am morgigen Tage zurückkehren würde und sie vermutlich für die nächste Zeit erstmal nicht auf Spaziergänge mit Marianne gehen konnte. Wenn ihr Vater davon erfahren würde, dass die beiden sich trafen, dann würde sie den Wölfen zum Frass vorgelegt werden.

Die beiden warfen Steine ins Wasser als sie ein grausames Geräusch hinter ihnen hörten. Ein Grummeln und Fauchen wie sie es noch nie gehört hatten. In sekundenschnelle hatten sich die beiden Mädchen umgedreht. Sie blickten hinauf auf den Berg, welcher hinter ihnen lag. Dort war nichts zu erkennen außer ein riesiger Spalt, welcher jedoch schon immer dort gewesen war. Marianne schaute Hemma ängstlich an. „Hast du… hast du das gehört?“ fragte sie mit zitternder Stimme. Hemma nickte und legte ihren Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen um Marianne zu signalisieren still zu sein. Sie nickte ihr zu und gemeinsam kletterten die beiden auf den Berg. Auch wenn Marianne unwohl zumute war, war sie auch neugierig was sie auf dem Berg erwartete.

Oben angekommen schlichen sie an der Steinwand entlang. Nichts war zu sehen, außer Dunkelheit. Sie sahen, dass ein riesiger Weg in den Berg hinein führte. „Mein Vater erzählte mir, dass hier früher einst Drachen lebten“ flüsterte Marianne. Hemma schnaufte „Na da haben unsere Väter wohl beide die gleiche Geschichte gehört. Auch mein Vater erzählte mir einst, dass dieser Berg das Heim der Drachen sei.“ flüsterte sie. Hemma warf einen Blick in die Dunkelheit und ging dann an den Rand des riesengroßen Spaltes inmitten des Berges.

Marianne folgte ihr zögerlich. “Du glaubst doch nicht wirklich dass hier Drachen leben, oder nicht?“ fragte sie Hemma und trat von einem Fuß auf den anderen. Hemma zuckte mit den Schultern. „Ich glaube in unserer Welt ist vieles möglich. Ich habe schon so einiges gesehen und würde mich wirklich nicht wundern wenn es auch Drachen gibt. Nur ist die Frage ob sie uns aufessen würden oder einfach mit dem Leben davonkommen lassen.“ sagte Hemma und lachte etwas. Sie überlegte einen Moment und sagte dann: „Mein Vater sprach oft über die Drachen. Sie sollen riesengroße Flügel haben und Schuppen so groß wie Hände. Anscheinend können sie in wenigen Sekunde ganze Städte zerstören… die müssen unfassbar stark sein“. Marianne nickte und blickte noch einmal über ihre Schulter. „Ich hoffe doch sehr, dass uns in naher Zukunft kein Drache über den Weg läuft“ sagte Marianne grinsend, bevor die beiden Mädchen wieder runter ans Ufer kletterten. Noch ein letztes Mal schauten sie in die Höhe und gingen dann nach Hause in ihre Dörfer zurück.

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„Nun und auch wenn Hemma dies wohl abstreiten würde, ich bin mir sicher dass ich einen Drachenflügel gesehen habe bevor wir in den Wald gegangen sind“ sagte die alte Dame schmunzelnd. Der kleine Anselm staunte und schaute sie dann nachdenklich an. „Hm Frau Braunstein, was ist denn mit Hemma geschehen? Habt ihr sie wiedergesehen?“ fragte er sie. Marianne Braunsteins Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und sie seufzte. „Nein, Anselm. Hemma habe ich nie wiedergesehen nach diesem Tag. Ihr ganzes Dorf wurde von Orks zerstört und niemand überlebte anscheinend.“ antwortete sie. Ihre Tasse Tee war bereits kalt und doch nahm sie einen Schluck um den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. „Und… und die Drachen? Was ist mit ihnen?“ fragte Anselm mit dem immernoch so neugierigen Blick. Marianne neigte ihren Kopf. „Nun, man weiß bis heute nicht ob es die Drachen wirklich gab oder ob sie bloß eine Erfindung alter Wesen Parsifals waren. Doch oben, an der Drachenspitze… dort hören immer wieder Wesen das furchterregende Geschrei und das Fauchen der Berge…“

Dieser Ort wird beschrieben:


Quellen

https://pin.it/mLF8Pj5

https://pin.it/3afV3aM

https://www.deviantart.com/klauspillon/art/European-Medieval-Village-554563298

https://pin.it/7r9RG1l

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