Chronica Confusa Eldoriae
oder: Vom eitlen Gekritzel, das sich Geschichte nennt
Verfasst von Magister Albanus Weißbart,
einst Hofchronist zu Xantia, nun verbannt, verbittert und von klarem Verstand
„Wo der Schreiber sich selbst verewigt, stirbt das Gedächtnis der Welt.“
– aus einem meiner besseren Sätze
Eldoria, du wunderschöne, ungezähmte Närrin
O Eldoria!
Du wilder, widerspenstiger Kontinent, du fruchtbarer Schlund der Geschichte, du Mutter zahlloser Reiche und Massengräber!
Wie oft bist du verbrannt, geflutet, gespalten, und doch – jedes Mal kehrst du zurück wie eine altersschwache Dirne, geschminkt und verlogen, bereit für den nächsten Tanz mit dem Tod.
Man spricht von alten Chroniken, von Büchern aus vergilbtem Pergament, in denen große Namen stehen – und doch… was passierte wirklich?
Was geschah nach der Großen Flut, die angeblich alle Städte hinwegspülte?
Wer baute auf dem feuchten Kadaver der alten Welt neue Städte?
Wer zündete sie wieder an, wer überlebte, wer nicht?
Niemand weiß es.
Und schlimmer: Niemand will es wissen.
Die heutigen Schreiberlinge – ach –, sie kritzeln lieber in Goldtinte über ihre eigenen Turniererfolge, schwadronieren über Bettgeschichten mit Elfendamen oder dichten Epen über glorreiche Schlachten, die nie stattfanden und – sollte man der Logik trauen – auch nie stattfinden konnten, da ihre Helden mit fünf Jahren bereits an Wundbrand gestorben wären.
Statt Wahrheit: Theater.
Statt Chronik: Klatsch.
Statt Erinnerung: Eitelkeit.
Kapitel I: Vom Fall der Städte, von denen nie jemand sprach
Nach der Flut entstanden Städte, so sagt man. Welche? Nun, man müsste es niederschreiben, nicht wahr?
Einst rühmte ich mich, drei stolzen Städten zu kennen.
Nun bin ich lediglich Archivar ihrer Asche.
Denn Seewachthafen, Neu Anthralis und Oron Dur – diese drei Zinnen aus Stein, Torheit und Hoffart – sind gefallen.
Nicht heldenhaft. Nicht glorreich. Nicht einmal besonders interessant.
Sie verblassten. Wie alles, was auf Eitelkeit gebaut wird.
Drei Städte.
Drei Mahnmale.
Drei Beweise dafür, dass kein Turm so hoch, kein Zauber so mächtig und kein Stein so hart ist, dass die Torheit des Menschen ihn nicht zu Staub machen könnte.
Und dennoch…
Die Chronisten schweigen.
Oder schlimmer: Sie dichten neue Heldensagen über Orte, die nie existierten.
Sie beschreiben das Blinken der Fenster, während das Dach längst eingestürzt ist.
Kapitel II : Nun, verehrte Leser – sofern ihr des Lesens überhaupt fähig seid –
ihr mögt euch fragen:
„Warum gibt es keine ordentlichen Chroniken über Eldoria?
Keine umfassenden Bände über seine Kriege, seine Städte, seine Herrscher, seine Tragödien, seine Wunder?
Warum wissen wir mehr über das Liebesleben des Barons von Caldaris als über das Ende von Daatihkú ?“
Die Antwort ist so einfach wie niederschmetternd:
Weil in Eldoria jeder lieber über sich selbst schreibt.
Die sogenannte Zunft der Chronisten ist eine Schar eitler Gänsekielritter, die mehr an Titeln interessiert sind als an Tatsachen.
Sie nennen sich „Gedächtnis der Welt“, doch vergessen regelmäßig, in welcher Reihenfolge Jahreszeiten verlaufen.
Sie berichten nicht, was geschah – sondern was sie gern erlebt hätten.
Was wäre gewesen, wenn …
Hätten wir Chroniken gehabt, wir könnten wissen,
wie viele Reiche kamen und gingen,
welche Lügen Königsmäntel zierten,
wie viele Kriege begonnen wurden, weil jemand seine Schwester liebte,
und welche dunklen Pakte unter Gebetsruf und Glockenschlag beschlossen wurden.
Doch stattdessen haben wir Lieder, Mythen und… Gerüchte. So ist Eldoria: Es lebt in Geschichten, die keiner prüfen will, weil sie schöner sind als die Wahrheit.
Nachwort
Ich bin alt. Ich bin müde. Und ich habe überlebt – was in Eldoria ohnehin verdächtig ist.
Dieses Buch, wenn es denn einer lesen sollte, ist nicht für Helden. Es ist für jene, die sich fragen: „Warum wissen wir nichts von uns selbst?“
Die Antwort ist einfach: Weil in Eldoria selbst das Vergessen heilig gesprochen wurde.