Es heißt, lange bevor Theonopolis seine stolzen Mauern errichtete wandelte ein Mann unter dem Banner des römischen Adlers, dessen Name nur wenigen bekannt war: Longinus, ein Hauptmann der kaiserlichen Kohorten in Judäa.
Er war es, der bei der Kreuzigung des Herrn stand, als der Himmel sich verdunkelte und die Erde bebte. Mit seiner Lanze durchstieß er die Seite des Gekreuzigten und sah Blut und Wasser fließen. In diesem Augenblick, so berichten die heiligen Schriften, wich die Finsternis aus seinem Herzen, und er erkannte, dass er nicht den Sohn eines Sterblichen, sondern den Sohn Gottes vor sich hatte.
Longinus legte seine Rüstung ab und trug fortan nicht mehr den Speer des Krieges, sondern das Banner des Glaubens. Er wanderte durch Länder und Meere, predigte und heilte bis er schließlich den Märtyrertod erlitt.
Sein Name jedoch blieb getragen von Mönchen, Rittern und Pilgern über Kontinente hinweg.
In den Tagen nach der Flucht aus Arcadiapolis, als die Flüchtlinge unter der Führung der Valdors und des niederen Adels in der neuen Welt Fuß fassten, lastete der Verlust der alten Heimat schwer auf allen Herzen. Viele Schätze und Erbstücke waren auf der Überfahrt verloren gegangen manche im Meer, andere in der Hast der Flucht zurückgelassen. Unter den Dingen, die man nicht retten konnte, war auch die ehrwürdige Statue des Heiligen Longinus, die in der Garnison von Arcadiapolis gestanden hatte und seit Generationen die Soldaten segnete.
Als die Soldaten von Theonopolis erkannten, dass die alte Statue für immer verloren war beschlossen sie ein neues Abbild zu schaffen nicht als bloße Kopie sondern als Zeichen eines Neuanfangs.
So beauftragte der Oberbefehlshaber der Stadtwache den besten Bildhauer Theonopolis aus dem hellsten Marmor des Umlandes eine Statue zu schlagen. Wochenlang hallten die Schläge des Meißels durch die Werkstatt. Der Bildhauer formte das Antlitz des Longinus streng, doch gütig er gab ihm die Rüstung eines Offiziers aus Arcadiapolis und setzte ihm in die Hand eine lange Lanze deren Spitze zum Himmel wies. Auf dem Schild in seiner Linken prangte das Kreuz nicht nur als Symbol des Glaubens, sondern auch als Mahnung, dass jede Waffe ohne Gerechtigkeit hohl ist.
Als die Statue vollendet war, wurde sie unter Gebeten und dem Läuten aller Glocken in die Kaserne gebracht. Seit diesem Tag steht sie dort, fest wie die Mauern von Theonopolis.
Vor jedem Feldzug legen die Soldaten ihre Hand an den kalten Stein und viele schwören, dass sie in stillen Nächten das leise Klirren einer Lanze hören als würde der Heilige selbst über sie wachen.
Auf dem Sockel der Statue ist eine Inschrift verborgen. Wer genau hinsieht kann die feinen Buchstaben erkennen vom Zahn der Zeit bereits angegriffen, aber noch lesbar
Inschrift
Ἅγιε Λογγῖνε, φύλαξ τῆς πόλεως ταύτης,
δός ἡμῖν ἰσχὺν ἐν πολέμῳ καὶ εἰρήνην ἐν καιρῷ εἰρήνης.
Ἐκ τῆς τέφρας τῆς Ἀρκαδιαπόλεως ἀνέστημεν·
σὺ δὲ γίνου ἡμῖν ὁδηγὸς εἰς τὸν νέον βίον
