Eintrag aus Erasmineás Tagebuch, verfasst nach der Krönung von Prinzessin Krárvalos:
Gestern war die Krönung der Prinzessin Krárvalos, ein Ereignis, das wohl einige Wesen Eldorias in Aufruhr versetzt hatte. Doch obwohl die Stadt in strahlendem Blau leuchtete, die Musik festlich erklang und die prächtigen Gewänder um mich schimmerten, konnte ich die seltsame Schwere in mir nicht abschütteln. Da ich niemanden kannte und ohne Begleitung war, schien die Luft in den großen Hallen noch dichter und die Langeweile fast greifbar.
Der endlose Strom höfischer Gespräche, das ständige Zurschaustellen von Eleganz – all das war mir an diesem Abend unerträglich.
Ich versank gedankenverloren in meiner eigenen Müdigkeit, als ich plötzlich bemerkte, dass jemand mich beobachtete – Ronan. Ich hatte ihn seit jener flüchtigen Begegnung in Theonopolis nicht mehr gesehen und seine tiefgründigen Blicke längst aus meinen Gedanken verbannt. Doch nun erfasste mich ein seltsames Gefühl der Vertrautheit, als er mir mit einem kaum merklichen Nicken zu verstehen gab, dass er mich gesehen hatte. Fast widerwillig lächelte ich, überrascht und erleichtert, eine bekannte, wenn auch mysteriöse, Seele im Raum zu entdecken.
Wie wir dann ins Gespräch kamen, kann ich kaum sagen. Plötzlich standen wir am Rand des Festsaals, und das Gespräch, das sich entsponn, war wie ein Windstoß in einem stickigen Raum. Seine Worte waren leise und unspektakulär, doch sie hatten eine Direktheit, die mich aus der Monotonie der höfischen Etikette löste. Wir sprachen von Nichtigkeiten, und doch lag in seinen Worten etwas, das mich fesselte, als wären sie Teil eines tieferen Gedankens, der in dem Moment nur für mich bestimmt war. Seine Worte waren leise, fast beiläufig, und doch lag eine Bestimmtheit darin, die mich wie damals fesselte.
Während wir redeten, trat plötzlich ein elfischer Mann an uns heran, dessen Erscheinung mich auf Anhieb neugierig machte. Er war von ungewöhnlicher Eleganz, mit einem klaren Blick und einer sanften Art zu sprechen, die mich sofort einnahm. Seine Stimme klang so melodisch, als würde sie mit der Musik verschmelzen.
Es war keine Störung, im Gegenteil. Ich begrüßte es, jemanden zu treffen, der die förmliche Etikette mit so viel Charme umgeht. Doch ich bemerkte, dass Ronan, der sonst so gelassen war, den Fremden mit unverhohlenem Misstrauen musterte. Sein Blick war kühl und abwägend, als würde er im Mann eine verborgene Absicht vermuten.
Wenn Ronan mit ihm sprach klang seine Stimme so höflich wie auch distanziert, doch der Elf lächelte, als hätte er Ronans Abneigung bemerkt. Er hielt Ronans Blick ungerührt stand, und für einen Moment schien es, als ob sie ein wortloses Duell austrugen.
Als ich später an diesem Tag den Tisch verließ, an dem nach wie vor angespannte Stimmung zwischen dem Elf und Ronan herrschte, hoffte ich in den Genuss eines Glases voll Rotwein zu gelangen. Ich schlenderte also durch den Raum an den Tresen des Verkäufers und fragte nach einem Glas Rotwein, doch zu meiner Überraschung – oder Enttäuschung – war der Vorrat bereits erschöpft. Das erschien mir wie ein passendes Symbol für den ungehobelten Trunkenbold, der sich nur wenige Augenblicke danach an mir vorbei drängte.
Auf meine Art wollte ich ihm zeigen, dass ich sein Verhalten nicht duldete. Doch mehr als ein paar lallende Beleidigungen waren bei dem fremden Zwerg nicht zu erwarten. So eilte ich eingeschnappt zu unserem Tisch zurück und ließ mich wieder auf meinen Stuhl fallen. Ronans Augen schien jedoch nichts verborgen zu bleiben, als er meinen leeren Händen einen Blick zuwarf. Sein belustigter Blick lockerte meine Laune spürbar auf, und während wir sprachen, merkte ich, wie die Starrheit des Abends langsam von mir abfiel.
Nachdem ich ihm und dem Fremden von der Situation am Tresen berichtete, forderte Ronan mich auf ihm den Mann zu zeigen, welcher so ungehobelt zu einer Dame war. Meine Blicke durchsuchten den Raum und tatsächlich erkannte ich den Zwerg einige Tische vor uns wieder.
Ronan nickte nur knapp und erhob sich von unserem Tisch, ging auf den Trunkenbold zu und sprach kurz mit ihm, doch ich konnte ihre Worte nicht verstehen. Es war ein leises, eindringliches Gespräch, das keiner weiteren Zuschauer bedurfte – und ich beobachtete, wie der Ausdruck des Mannes sich veränderte, von trunkenem Trotz zu zögerlicher Verlegenheit.
Nach einem Moment kehrten die beiden zurück zu mir. Der Mann wirkte nun wie verwandelt, senkte demütig den Blick und sprach eine überraschend aufrichtige Entschuldigung aus, bevor er sich zurückzog.
Ich weiß noch wie ich zu Ronan sprach: „Das war… unerwartet. Wie hast du das angestellt?“ Doch er zuckte nur leicht mit den Schultern, und in seinen Augen lag dieses fast unsichtbare Lächeln – ein Lächeln, das vieles verrät und zugleich alles verbarg.
Die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen und als die letzten Gäste von der frisch gekrönten Königin zu ihren Unterkünften gebracht wurden, sollten Ronan und ich noch etwas über das Lagerfeuer wachen.
Für mich schien der tiefe Norden plötzlich eine ganz andere Farbe anzunehmen – lebendiger und wärmer, als hätte Ronans Anwesenheit das Gewicht der steifen Etikette einfach fortgeweht. Er war nicht der charmante Höfling, der mit blumigen Worten um den Finger wickelte, und doch lag in seinem Verhalten eine Selbstverständlichkeit, die mich auf eine Weise fesselte, wie es kein anderer hätte tun können.
Während die Flammen der Feuerstelle die Umgebung in ein flackerndes Licht tauchten und wir zusammen auf dem kühlen Holz saßen vergaß ich den fehlenden Wein, die Fremdheit des Abends und die endlosen, leeren Gespräche. Ich bemerkte die scharfen Züge seines Profils, das konzentrierte Funkeln in seinen Augen, das mich ebenso rätselhaft anzog, wie es mich verwirrte. Unsere Worte, die wir im Laufe des Abends miteinander wechselten, waren auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches, doch hinter jeder Bemerkung, jeder Frage, schien ein tieferer Gedanke zu liegen – eine Verbindung, die zwischen uns entstand, zart wie ein Faden, kaum greifbar und doch unübersehbar.
Als er mir schließlich seinen Mantel um die Schultern legte, spürte ich seine Wärme an meinem Körper, und ein seltsames Gefühl von Vertrautheit durchströmte mich. Das letzte Flüstern mancher der Gäste wurden zu einem fernen Rauschen in der Kälte der Nachtluft, doch an seiner Seite schien selbst die Dunkelheit weniger streng, beinahe sanft.
Für einen Moment hielt er inne, sah mich an, und in diesem Blick lag eine stille Frage – eine Frage, die er nicht laut aussprach und die ich dennoch spüren konnte. Wir mussten nicht viel sagen; seine Hand an meinem Arm war eine unausgesprochene Einladung in eine Welt, die nur wir beide zu teilen schienen. In dieser Nacht war er derjenige, der mich aus den Schatten meiner eigenen Einsamkeit geführt hatte, die ich bis dahin nicht gesehen hatte.
Ich wusste, dass diese Nacht in meinem Gedächtnis bleiben würde – nicht wegen der Krönung, nicht wegen des glanzvollen Festes, sondern wegen eines Mannes, der mir, ohne es zu wissen, etwas Wertvolles zurückgegeben hatte: die Sehnsucht nach etwas Unergründlichem, das nur er in mir geweckt hatte.