Triggerwarnings
Gewalt, Blut, Häusliche Gewalt, Fehlgeburt, Tod
Das Sternbild der Katze steht über Averlyn, es ist eine ruhige Nacht, außer im Palast. Zur 22 Stunde erblickt die Thronfolgerin Averlyns das Licht. Lyanara Mhyreya, die erstgeborene Tochter von Lunas und Noválee Mhyreya.
Ihr Schicksal war von dem Beginn ihrer Geburt besiegelt, erst Ratsmitglied und dann Königin Averlyns.
Dementsprechend streng war ihre Erziehung, schon mit 5 Jahren lernte sie lesen, schreiben, rechnen, kämpfen und zaubern. Vor allem auf die Selbstverteidigung legten ihre Eltern großen Wert.
“Wie sollst du ein Königreich leiten und verteidigen, wenn du es noch nicht mal für dich selbst kannst.” betonte ihr Vater immer wieder.
Er hatte recht.
Kapitel 1
Lyanara waren ihre Pflichten bewusst, sie las viel. Sagen, Lehren und Lektüren, aber vor allem die Astronomie und Astrologie taten es ihr besonders an. Die Sternenkonstellation, Himmelsbilder und Phänomene der Nacht, aber auch Flora und Fauna Bücher verschlung sie förmlich. Einfach alles was sie studieren und beobachten konnte.
Jahre verstrichen und immer noch erhielt Lyanara Unterricht von den renommiertesten Gelehrten.
Nun musste sie zum Glück nicht mehr alleine lernen,sie hatte zwei Schwestern, Káya und Runá.
Káya war die Aufgeweckte von den dreien, sie hatte dauernd irgendwelche Mutproben und Flausen im Kopf.
Runá im Gegenteil war ruhig und sehr zurückgezogen. Somit hatten Lyanaras Eltern die perfekte Mischung. Die Älteste und wissbegierige Lyanara, die mutige Káya und die ruhige und höfliche Runá.
Lyanara ist 13 Jahre alt, es ist eine warme und ruhige Sommernacht, der Himmel ist klar. Die perfekten Bedingungen, um im Astronomieturm Sterne zu beobachten. Vor ihr liegt ein Notizbuch und eine Schreibfeder, die aufgeschlagene Seite enthält eine Zeichnung von einem Sternenbild, mit dem Titel “Elveá Nova” Darunter stehen ein paar Notitzen.
Lyanara blick erneut fasziniert zum Himmel hinauf, die Sterne spiegeln sich funkelnd in ihren Augen wieder. Sie greift zu ihrem Notizbuch und zeichnet ein paar Striche in der Zeichnung nach, fein säuberlich gleitet die Feder über das Papier.
Sie blättert ein paar Seiten zurück, auf den Seiten sind Titel wie “Der Sirius, das Pegasus, der heulende Hund” zu bestaunen, sie nickt zufrieden und blickt zu den Sternen.
Sie lächelt zufrieden, der Nachthimmel leuchtet,ein Blick der Verwunderung bildet sich auf ihrem Gesicht. Ein glitzernder Stern fällt einfach aus dem Sternbild heraus. Verwirrt und etwas in Panik, notiert sie sich schnell das Ereignis. Der Stern zieht eine lila leuchtenden Streifen hinter sich her, Lyanara hatte noch nie so etwas schönes gesehen. Ein paar Minuten beobachtet sie, wie der fallende Stern ihr immer näher kommt.
Sie blickt auf den vor ihr thronenden Fichtenwald. Bäume krachen und mit lautem Getümmel landet der gefallene Stern im Wald. Ein Schwarm Krähen steigt in den Himmel empor. Noch ganz verwirrt blickt Lya hinter sich auf die Stadt, es kann doch nicht sein, dass sie die einzige war, die das mitbekommen hat. Doch Nichts, nur vereinzelte Lichter brennen in den Häusern.
Ein schelmisches Grinsen bildet sich auf ihren Lippen, „das Unbekannte muss erforscht werden“, sagt sie grinsend. Damit steht sie schwungvoll auf , klemmt sich ihr Notizbuch unter den Arm und wandert motiviert in den Wald, Richtung des gefallenen Stern.
Eine Eule ruft in der Nacht, der Wald ist dunkel aber keinesfalls gruselig, irgendeine heimische Energie umgibt ihn. Ohne richtiges Ziel läuft Lyanara über altes Laub, Äste und umgefallene Bäume, aber irgendetwas scheint sie zu leiten. Eine gute Stunde läuft sie durch den Wald, aber Lyanara ist motiviert und wissbegierig.
In Gedanken vertieft läuft sie, bis sie vor einem dichten Dornengestrüpp stehen bleibt. “Misst” sagt sie verärgert, irgendetwas sagt ihr, dass sie genau dort durch muss. Sie seufzt, dann zwängt sie sich durch das dornige Gestrüpp, ihr bereits am Saum zerrissenes Kleid wird nun auch an Armen und Oberkörper zerfetzt. Bis auf die Haut dringen die Dornen, doch der stechende Schmerz soll durch ihre Entdeckung gelindert werden.
Lyanara traut ihren Augen nicht, vor ihr, in der Mitte von abgeknickten Bäumen liegt ein Melonen großer Brocken, der leicht lila schimmert.
In Windeseile notiert sie sich alle Eindrücke. Mit einer kleinen Skitze notiert sie sich knappt alle Eindrücke. Mit leuchtenden Augen tritt sie näher an den Brocken “ Das ist also ein Stern” murmelt sie fasziniert. Ihr Herz schlägt bei jedem Schritt schneller, irgendetwas ruft sie förmlich, ihre Fingerspitzen kribbeln und dann berührt sie den Stern.
Eine mächtige Energie durchströmt sie. so stark, dass sie nach Luft schnappen muss. Die Lila Aura scheint sich auf sie zu übertragen, sie schließt überwältigt von der Energie ihrer Augen. Durch ihr Gedankenfeld wandert ein eleganter schwarzer Panther, welcher sich dann vor ihr verbeugt. Das Ganze ist ihr zwar unbekannt aber keinesfalls gruselig, es fühlt sich richtig an.
Mit einem Schmunzeln öffnete sie die Augen, ihr Blick schweift erneut zum Brocken, die wunderschöne Aura, die den Stern zuvor wie auf magische Weise umhüllte, schien verschwunden zu sein. Nur noch das Klopfen ihres Herzen ist noch wahrnehmbar.
Bei dem genaueren Blick fällt ihr auf, dass vereinzelte Stücke vom Sternbrocken abgebröckelt sind, insgesamt 10 Walnussgroße Fragmente nimmt sie mit.
Dann, zu Sonnenaufgang, liegt sie endlich im Palast in ihren Gemächern und schläft so gut wie noch nie. Ihr Notizbuch und die Fragmente liegen sicher verschlossen in ihrem Schmuckkästchen, der Schlüssel versteckt unter ihrem Kissen.
Kapitel 2
Am nächsten Morgen wachte Lyanara mit den ersten Sonnenstrahlen motiviert auf. Nach einem großen Gähnen blickt sie auf ihr Kissen, schnell sucht sie nach dem Schlüssel und findet ihn an seinem gewohnten Ort. Mit einem zufriedenen Grinsen öffnet sie ihr Schmuckkästchen. Danach läuft sie mit schnellen Schritten durch den Palast von Averlyn, raus in den Innenhof, über die Gärten, hinein auf den Marktplatz und bleibt vor einem kleinen, mit braunem Holz verzierten Lädchen stehen. Es hat große, saubergeputzte Fenster und über der Tür hängt ein Schild mit der geschwungenen Aufschrift „Gebusarthz Schmuckschmiede“.
Schwungvoll öffnet sie die Tür und blickt sich staunend um. Überall stehen Kristalle ausgestellt, in jeder Ecke findet man schlichte Büsten mit den wundervollsten Schmuckstücken umgehängt.
„Ve suilanna“, krächzte eine alte, raue Stimme, und ein kleiner, schon in die Jahre gekommener Zwerg tritt hinter dem Tresen hervor, der ihm gerade so bis zu den Schultern reicht. Mit gerümpfter Nase blickt er Lyanara von oben bis unten an, richtet seine kleine, verstaubte Lesebrille mit rußschwarzen Fingern und strafft sich etwas. Schnell glättet er seine deutlich abgenutzte Arbeitskleidung. „Prinzessin, was erbietet mir die Ehre?“ fragt er, während er sich tief verbeugt.
Lyanara lächelt freundlich. „Lyanara reicht völlig, Herr Gebusarthz, nehme ich an. Mit einem Zwerg habe ich hier gar nicht gerechnet.“ Erneut verbeugt sich der Zwerg. „Dann Miss Lyanara … Ja, so mancher Kunde ist überrascht von meinem Anblick. Dennoch bin ich in Averlyn aufgewachsen. Ich wurde im Wald als Waise gefunden und von Elfen hier in Averlyn großgezogen.“ Lyanara nickt interessiert. „Deswegen beherrschen Sie auch unsere Sprache.“ „Gewiss. Nun sagt aber, Madam“, er läuft mit kleinen Schritten zum Tresen, ein ächzendes Geräusch von Holz auf Holz ist zu vernehmen, und mit zwei Schritten reicht ihm der Tresen nur noch bis zum gut gefütterten Bauch. „Wie kann ich euch meine Dienste anbieten?”
Lyanara kramt kurz in ihrer Tasche und breitet ihre Kristallstücke auf dem Tresen aus. Mit einem Grummeln betrachtet Gebusarthz die Kristallstücke. „Prinzessin, was ist das für ein Material? Ich habe so etwas noch nie gesehen“, murmelt er nachdenklich. „Ich weiß es nicht, ich habe es im Wald gefunden. Dennoch würde ich euch bitten, mir sieben Schmuckstücke damit anzufertigen.“ Der kleine Zwerg nickt nachdenklich und zwirbelt seinen kleinen Ziegenbart zwischen den Fingern. Mit gerunzelter Stirn betrachtet er die Steine noch einmal von nahem, sehr nah. „Das sollte möglich sein. Aber bei einem unbekannten Material muss ich vorsichtig vorgehen.“ Lyanara nickt. „Zeit und Geld sind kein Problem“, spricht sie entschlossen. „Nun dann, ich lasse euch eine Taube zukommen, sobald die Stücke fertig sind. Atpé.“ „Atpé“, antwortet sie und läuft freudestrahlend davon.
Zwei Mondziklen später erhält Lyanara die aufgeregt erwartete Taube. Noch am gleichen Tag steht sie in der Schmuckschmiede, die Tasche gefüllt mit Taler. Grinsend begrüßt Gebusarthz sie “Miss Lyanara, ihr konntet es ja kaum abwarten", als Antwort nickt sie heftig.
Aus einer Schublade unterm Tresen legt er nacheinander sieben Schmuckstücke aus. Vor ihr liegen nun eine Brosche, eine Haarnadel, ein Ring, drei Ketten und ein paar Ohrringe. Jedes einzelne Schmuckstück ist fein säuberlich und wunderschön gearbeitet, und das Herzstück ist immer der Lilane Stein, welcher nun nur noch mehr im Licht glänzt und schimmert.
Mit großen Augen betrachtet Lyanara die wunderschönen Stücke “Sie sind atemberaubend” “Ich danke, Prinzessin", sagt er mit einem leichten Hauch Stolz in der Stimme “Was bekommt ihr für diese Kunstwerke?", fragt Lya freundlich. Der alte Zwerg überlegt kurz:”zahlt mir das, was ihr denkt, was diese Werke wert sind” Lya nickte und stellt mit einem klirren einen prall gefüllten Sack mit Münzen auf den Tresen, während der Zwerg die Schmuckstücke einzeln in Stoff einwickeln.
Sie lächelt leicht und verstaut die Stücke, sobald sie fertig eingepackt waren vorsichtig in ihrer Ledertasche. “Ich danke euch vielmals, eure Werke sind wirklich wunderschön, Namaríe” “Das freut mich zu hören, Miss Lyanara, Namaríe” Mit diesenen Worten tritt Lyanara nach draußen und lässt mit einem zufriedenem Lächeln die Sonnenstrahlen des Mittags auf ihr Gesicht fallen.
Kapitel 3
Ein Jahr ist seit dem wundersamen gefallenen Stern vergangen. Lya ist nun 14 Jahre alt, ein wichtiges Alter für Seelelfen, heute Abend bei Sonnenuntergang soll ihre Seelenbindung stattfinden.
Aufgeregt tippelt sie von einem Bein auf das andere, während drei Schneiderinnen ihr wunderschönes weißes Gewand zurecht nähen, “Nun haltet doch still Prinzessin”, ruft die eine schnippig. Sofort steht Lyanara still und senkt entschuldigend den Kopf “Goheno nin”, sagt sie ruhig. Nur ihre Fingerspitzen tippen ungeduldig auf ihrem Oberschenkel herum.
Die Sonne naht unterzugehen und Lyanara wartet ungeduldig vor der Treppe des Palastes. Sie trägt das wunderschöne weiße wellenartige Gewand und ihre dunkelbraunen Haare wurden zu einem prachtvoll mit Edelsteinen verzierten Frisur geflochtenen. Um ihre Schulter hängt eine Ledertasche.
Das klacken hoher Schuhe ist vernehmbar und Lyanara richtet sich auf. Mit eingehakten Armen und umrahmt von zwei Wachen schreitet Lyanaras Mutter und Vater die Treppe hinunter. Beide vornehmst gekleidet. Lyanaras Mutter musterte sie streng “Hübsch”, sie lächelt sanft und streckt Lya ihre Hand entgegen. Diese erkennt das Zeichen und ergreift erst die Hand ihrer Mutter, dann die ihres Vaters. Daraufhin öffnet sich das große Tor und die drei treten hinaus.
Trompeten ertönten, und die versammelten Bürger Averlyns applaudierten und jubelten. Alle waren in ihren schönsten Gewändern gekleidet. Lyanara genoss die Aufmerksamkeit, auch wenn sie wusste, dass der Jubel eher dem bevorstehenden Ball und dem Festessen galt. Langsam trat die Königsfamilie die Palasttreppe hinunter. Überall waren jubelnde Bürger, und Lya versuchte, jedem ein freundliches Lächeln und ein sanftes Nicken zu schenken, doch es war unmöglich, jeden zu erreichen.
Je näher die Königsfamilie den heiligen Wäldern kam, desto aufgeregter wurde Lya. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Als sie schließlich vor einem Torbogen aus duftenden Rosen stehenblieben, drehte sich ihre Mutter zu ihr um. Sie lächelte sanft. „Mögen die Götter die richtige Wahl treffen“, sagte sie leise und zog Lyanara in eine zärtliche Umarmung. Lya genoss diesen seltenen Moment in vollen Zügen, denn es kam nicht oft vor, dass ihre Eltern ihr so viel Aufmerksamkeit schenkten.
Dann spürte sie die kräftige Hand ihres Vaters auf ihrer Schulter. Ihre Mutter löste sich aus der Umarmung, und Lya blickte zu ihrem Vater auf. Er war ein großer und muskulöser Elf, den manche als furchteinflößend beschreiben würden – aber nicht Lyanara. Für sie war er der sanfte Mann, der ihr jede Woche Blumen bringen ließ und dessen Haare sie als Kind geflochten hatte. Mit stolzem Blick sagte er: „Meine Kleine, mach uns und Averlyn stolz.“ Lya nickte entschlossen.
Als sie ein sanftes Schieben in Richtung Torbogen spürte, wusste sie, dass es Zeit war. Sie trat hindurch und folgte dem Kiesweg.
Eine sanfte Brise wehte durch die Bäume und ließ ihr Kleid leicht im Wind tanzen. „Inye lé suila Áscar“, sagte sie schmunzelnd und strich sanft durch die Blätter eines Busches. „Und ich grüße dich, Arthus“, fügte sie hinzu. Sie blickte zum Himmel hinauf, wo die untergehende Sonne ihre bernsteinfarbenen Augen rotbraun leuchten ließ. „Leg dich sanft zur Ruhe, Erthan. Yonaka wacht über uns.“
Vor ihr lag eine wunderschöne, mystische Lichtung, in deren Mitte ein weißer Marmoralter thronte, kunstvoll mit unzähligen, filigranen Gravuren verziert. „So“, sagte Lya leise und hob die Ledertasche von ihrer Schulter. Sie stellte die Tasche neben dem Altar ab und griff nach ihrer Kette.
Die Kette war filigran, aus silbernem, leicht schimmerndem Metall gefertigt. Feine, miteinander verwobene Ranken zogen sich elegant in geschwungenen Schnörkeln über die gesamte Länge der Kette. In den Fassungen funkelten lilafarbene Steine, und in der Mitte waren edle Schnörkel eingearbeitet. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens nahm Lya aus der Tasche einen Kristall, der dem Stein in der Kette ähnelte, jedoch weniger fein geschliffen war. Sanft legte sie den Kristall auf den Altar.
„Was sage ich jetzt nur?“ fragte sie die Götter laut. Der Wind antwortete, indem er sanft durch die Bäume strich und eine Strähne aus ihrem Zopf befreite. Lya schmunzelte. „Nun gut, ehrenwerte Ahnen, ich danke euch von Herzen, dass ihr über mich wacht. Ich vertraue eurem Urteil – auch jetzt. Ich weiß, dass ihr mir das richtige Wesen, einen Begleiter, zur Seite stellen werdet, der mich stärkt und vervollständigt. Ich ehre euch und werde euren Glauben immer in mir tragen.“
Zufrieden nickte sie, griff in ihre Tasche und holte ein Notizbuch sowie einen Kohlestift heraus. Sie setzte sich unter eine Weide, deren Zweige sanft im Wind wehten, und blickte zum Himmel hinauf. Die Sonne war fast vollständig untergegangen, und der Himmel schimmerte in tiefem Rot und Blau. „Noch keine Sterne“, murmelte Lya und ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen. Da entdeckte sie eine kleine, gelb-lilafarbene Blume – ein Veilchen. Sie öffnete ihr Notizbuch und begann, eine Skizze der Blume anzufertigen.
Die Zeit verging schnell, und als Lyanara die letzten Striche ihrer Zeichnung vollendete, standen der Mond und die Sterne bereits hoch am Himmel. Sie lächelte und blickte hinauf. „Das ist der Wagen, da der Schütze“, sagte sie leise und deutete mit dem Finger auf die passenden Sternbilder. „Dort ist der Nekromant und da…“, ihr Lächeln wurde breiter, „Elveá Nová – der schwarze Panther.“
Während sie einige Seiten im Notizbuch vorblätterte und sich eine Kleinigkeit notierte, geschah plötzlich etwas Magisches.
Der Himmel über der Lichtung leuchtete plötzlich intensiver, als die Sterne des Sternbildes Elveá Nová in tiefen Lilatönen zu strahlen begannen. Lyanara konnte den Blick nicht abwenden, als die Sterne sich langsam bewegten und begannen, miteinander verbunden zu leuchten. Die Lichtpunkte formten sich, flossen ineinander, bis sich die Silhouette eines majestätischen Wesens deutlich abzeichnete.
Wie aus Nebel und Licht geformt, trat ein gewaltiger, schwarzer Panther aus den Sternen hervor. Sein Fell schimmerte wie der Nachthimmel selbst, durchzogen von schillernden Lilatönen, die im schwachen Mondlicht funkelten. Elegant und geschmeidig setzte er eine mächtige Pfote vor die andere, während er sich lautlos der Lichtung näherte. Die Sterne, aus denen er hervorgegangen war, lösten sich langsam in Nichts auf, als er vollends in die Welt trat.
Lyanara hielt den Atem an, als der Panther direkt vor ihr stehenblieb. Seine bernsteinfarbenen Augen funkelten sanft, und in seinen Bewegungen lag eine erhabene Ruhe. Langsam neigte er seinen Kopf, die Ohren flach angelegt, und verbeugte sich tief und ehrfürchtig vor ihr. Seine Bewegungen waren so anmutig, dass es schien, als würde er den Boden kaum berühren.
Aus seiner Kehle kam ein leises, tiefes Schnurren, das den Boden unter ihren Füßen vibrieren ließ. „Ich bin Elveá,“ erklang ihre Stimme, weich und melodisch, wie ein sanfter Wind, der durch die Wälder streicht. „Es ist mir eine Ehre, Lyanara.“
Dabei schnurrte sie erneut, die Vibration durchzog die Luft wie ein magischer Klang, der Lya tief in ihrem Herzen berührte. Elveá hob den Kopf und sah ihr mit einer Wärme und Weisheit in den Augen direkt entgegen, als wäre ihre Seelen nun für immer miteinander verbunden.
Lyanara erwiderte die Verbeugung elegant und respektvoll: „Die Ehre ist meinerseits, Elveá“, dann beginnt sie breit übers Gesicht zu grinsen.
Kapitel 4
Klingen prallen aufeinander, metallisches Klirren erfüllt die Luft. Lyanara befindet sich im intensiven Schwertkampftraining. „Du kämpfst wie ein Mädchen!“, höhnt ein hochgewachsener, muskulöser Elf mit langen, roten Haaren. Eine markante Narbe zieht sich über sein rechtes Auge, und obwohl seine Kleidung schlicht und funktional wirkt, strahlt sie eine gewisse Eleganz aus.
„Ach wirklich, Silvion? Dann zeig mir doch, wie man es besser macht!“, keift sie zurück, ihre Stimme durchzogen von Herausforderung. Mit blitzschnellen Bewegungen holt sie aus, setzt zwei präzise Hiebe und folgt mit einem geschickten Tritt gegen sein Knie. Im nächsten Augenblick liegt der kräftige Elf am Boden, Lyanara steht über ihm, ihr Schwert bedrohlich an seiner Kehle.
„Kämpfe ich immer noch wie ein Mädchen?“, fragt sie mit einem frechen Grinsen. Beschwichtigend hebt Silvion die Hände. „Schon gut, ich ergebe mich.“ Mit einem zufriedenen Lächeln senkt Lyanara ihr Schwert und streckt ihm die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen.
Klatschen ertönt auf dem Übungsplatz. “Sieh an die kleine Prinzessin macht sich ja richtig gut. Wie alt bist du jetzt 12?” fragt eine männliche Stimme verhöhnen. Lyanara verdreht die Augen und blickt zu einem großen und muskulösen blonden Elf, mit markanten blauen Augen,auf seinem Rücken thronen zwei Schwerter. “16, Yavus, wie ich merke liegt Mathematik dir immer noch nicht so” sie zwinkert ihm frech zu.
Lyanara löst den Griff an ihrem Schwert, wirft es lässig über die Schulter und schlendert langsam auf Yavus zu, während ein freches Lächeln ihre Lippen umspielt. „Also, willst du auch eine Lektion? Oder bist du nur hier, um zu sticheln?“ Yavus verschränkt die Arme und lacht auf. „Lektion? Gegen dich? Ich wäre in einer Minute fertig.“ Seine Stimme tropft vor Selbstgefälligkeit, doch in seinen Augen blitzt eine Herausforderung auf. „Aber ich habe heute keine Zeit, Kinder zu schlagen.“
Lyanara hebt eine Augenbraue und funkelt ihn herausfordernd an. „Feigling“, sagt sie leise, fast zu leise, doch das Wort schneidet scharf wie eine Klinge. Ein Raunen geht durch die anderen Elfen, die das Training beobachten. Die Spannung zwischen den beiden ist förmlich greifbar. Yavus, stets derjenige, der sich für den besten Kämpfer hält, lässt sich nicht gern provozieren – doch genau das hatte Lyanara gerade geschafft. „Feigling?“, wiederholt er, während er langsam die Arme löst. „Du hast gerade dein eigenes Grab geschaufelt, Prinzessin.“
Mit einem schnellen Ruck zieht Yavus eines seiner Schwerter. Der Glanz der scharfen Klinge reflektiert das Sonnenlicht, als er sie spielerisch in seiner Hand dreht. „Wie wär’s mit einem kleinen Trainingskampf? Nur, damit du verstehst, wer hier wirklich der Stärkere ist.“ Lyanara weicht keinen Schritt zurück, sie hält seinen Blick fest. „Wenn du darauf bestehst“, sagt sie ruhig, doch in ihrer Haltung liegt eine angespannte Vorfreude. „Aber ich werde dich nicht schonen, nur weil du älter bist.“ Yavus lacht. „Das hoffe ich doch.“
Die Zuschauer treten zur Seite, machen Platz für das bevorstehende Duell. Silvion, inzwischen aufgestanden, reibt sich mit einem Grinsen das Knie. „Das wird interessant“, murmelt er, während er sich einen besseren Platz sucht, um das Spektakel zu beobachten.
Lyanara hebt ihr Schwert, die Klinge leicht nach unten geneigt, in einer entspannten, aber wachsamen Position. Yavus steht locker da, doch seine Haltung verrät die jahrelange Übung und das Vertrauen in seine Fähigkeiten. Ein Augenblick der Stille senkt sich über den Übungsplatz, dann explodiert die Spannung. Yavus stürmt voran, seine Klinge schneidet durch die Luft. Doch Lyanara ist schnell, sie dreht sich geschickt zur Seite, gerade genug, um seinem Schlag zu entgehen, und setzt sofort einen Konter an. Ihre Klinge trifft auf seine mit einem lauten, metallischen Klang.
Die beiden Kämpfer umkreisen einander, ihre Bewegungen fließend und elegant. Jeder Schlag von Yavus wird mit präziser Abwehr beantwortet, und jedes Mal, wenn er eine Lücke in ihrer Verteidigung sucht, ist Lyanara bereits einen Schritt voraus.
„Nicht schlecht“, keucht Yavus nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung, bei der beide Schwerter im Funkensprühen aneinander geraten sind. „Du hast tatsächlich etwas gelernt.“ „Mehr als nur etwas“, erwidert Lyanara knapp, ihre Augen fixieren jede seiner Bewegungen.
Die Menge hält den Atem an, als Yavus einen kraftvollen Hieb austeilt, der Lyanara beinahe aus dem Gleichgewicht bringt. Doch sie fängt sich blitzschnell, weicht zur Seite aus und nutzt die Gelegenheit, um ihm einen kräftigen Tritt in die Seite zu verpassen. Yavus stolpert kurz, seine Augen weiten sich vor Überraschung. „Das muss wehtun“, murmelt Silvion am Rande, während einige der Zuschauer anerkennend nicken.
Doch Yavus gibt nicht so leicht auf. Mit einem Kampfschrei wirbelt er herum, holt mit seinem Schwert weit aus und zwingt Lyanara, sich defensiv zurückzuziehen. Ihre Klingen tanzen im Rhythmus von Angriff und Abwehr, doch Yavus wird zunehmend ungeduldig.
Schließlich packt ihn der Übermut. In einem gewagten Versuch, Lyanara zu überrumpeln, greift er frontal an, doch Lyanara nutzt seine Ungeduld. Mit einem eleganten Wirbel entzieht sie sich seiner Reichweite, springt hinter ihn und schlägt mit der flachen Seite ihres Schwertes gegen seinen Rücken. Yavus stolpert nach vorn, fällt auf die Knie und flucht leise, während Lyanara triumphierend über ihm steht.
„Scheint, als wärst du in einer Minute fertig gewesen – nur nicht so, wie du gedacht hast“, sagt sie mit einem schiefen Lächeln und reicht ihm die Hand, wie sie es zuvor bei Silvion getan hatte. Yavus zögert einen Moment, bevor er ihre Hand ergreift und sich auf die Beine zieht. „Gut gekämpft“, sagt er mit einem Hauch von Anerkennung in seiner Stimme, auch wenn seine Augen noch immer vor Frustration funkeln.
„Das war doch erst der Anfang“, antwortet Lyanara, während sie ihr Schwert in die Scheide steckt und ihm ein verschmitztes Lächeln zuwirft.
“So meine Lieben, das wars für heute und denkt dran euer Krafttraining zu machen, kommt gut nach Hause” übernimmt Silvius wieder das Wort “Lyanara wartest du noch kurz” er lächelt sanft. Als Antwort erhält er ein Nicken von ihr.
Als der Trainingsplatz sich langsam leerte und nur noch Silvius und Lyanara darauf stehen beginnt er zu sprechen “Deine Technick ist wirklich unfassbar gut geworden, Yavus ist doppelt so schwer wie du und trotzdem hast du dich nicht unterkriegen lassen, sehr gut” sie nickt aufmerksam Silvion legte eine Hand auf Lyanaras Schulter, seine Augen funkelten vor Stolz. „Aber du weißt, dass Technik allein nicht immer ausreicht. Yavus war heute unkonzentriert, das hast du clever genutzt. Doch es wird Zeiten geben, in denen deine Gegner keinen Moment der Schwäche zeigen.“
Lyanara nickte erneut, dieses Mal etwas ernster. Sie spürte die Schwere seiner Worte. „Ich weiß“, antwortete sie leise.
„Deshalb“, fuhr Silvion fort, „ist es wichtig, dass du nicht nur stärker, sondern auch ausdauernder wirst. Dein Schwertkampf ist beeindruckend, aber deine Kondition lässt nach, wenn der Kampf zu lange dauert. Du hast heute gewonnen, aber was, wenn Yavus noch eine Minute länger durchgehalten hätte?“ Lyanara biss sich auf die Lippe, während sie seine Worte verarbeitete. „Du hast recht“, gestand sie schließlich. „Ich werde daran arbeiten.“
„Das wirst du“, sagte Silvion mit einem sanften Lächeln, „und ich werde dir dabei helfen. Ab morgen beginnen wir mit intensiverem Ausdauertraining. Es wird hart, aber es wird dich auf ein neues Niveau bringen.“
Lyanara hob den Kopf und schaute ihm entschlossen in die Augen. „Ich bin bereit.“ Silvion nickte zufrieden. „Gut. Und Lyanara…“ Er hielt kurz inne, als würde er seine nächsten Worte sorgfältig abwägen. „Du bist stark, nicht nur körperlich. Lass niemals zu, dass jemand dich daran zweifeln lässt – egal, was er sagt.“ Seine Stimme war weich, aber voller Ernst.
Lyanara war überrascht von dem sanften Ton in seiner Stimme, und für einen Moment sah sie in Silvion nicht nur ihren Lehrer, sondern auch jemanden, der sich wirklich um sie sorgte. „Danke“, sagte sie leise, ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit. „Gut“, sagte er schließlich und ließ die Hand von ihrer Schulter sinken. „Geh nach Hause, ruhe dich aus. Morgen früh um sechs auf dem Platz. Kein Ausschlafen, verstanden?“ Lyanara grinste. „Verstanden.“
Sie verabschiedete sich mit einem Nicken und drehte sich um, bereit, den Trainingsplatz zu verlassen. Doch als sie ein paar Schritte gegangen war, hielt sie inne und blickte noch einmal zurück. „Silvion?“, rief sie. Er sah auf. „Ja?“ „Danke, dass du an mich glaubst.“ Silvion erwiderte ihr Lächeln, diesmal ein Hauch von Stolz in seinen Augen. „Immer, Lyanara.“
Mit diesen Worten drehte sie sich endgültig um und ging. Die Abendsonne warf lange Schatten auf den Übungsplatz, und während sie den Weg nach Hause nahm, fühlte sie die Verantwortung auf ihren Schultern schwerer als zuvor. Aber auch eine neue Stärke wuchs in ihr – eine Stärke, die sie nur durch harte Arbeit und Entschlossenheit würde meistern können.
Morgen begann ein neuer Tag, und sie war bereit.
Kapitel 5
Der Herbst färbte die Blätter bunt, und der Winter bedeckte die Bäume in einem ruhigen Weiß, ehe der Frühling kam und mit ihm auch ein aufregendes Ereignis für jede junge Seelelfe in Averlyn: der Frühlingsball stand vor der Tür, und die Vorbereitungen waren im vollen Gange. Die Luft war erfüllt von der Erwartung und dem Hauch der Veränderung, der der neue Frühling mit sich brachte.
In ihren Gemächern, umgeben von den weichen Stoffen ihrer königlichen Kleidung, saß die junge Lyanara auf einem Hocker und bandagierte sich konzentriert die Hände für das bevorstehende Kampftraining. Der Duft von Kräutern und Ölen, die ihre Haut pflegten, vermischte sich mit dem frischen Duft des nahenden Frühlings, der durch das offene Fenster hereinkam. Doch Lyanaras Gedanken waren weit entfernt von der Routine des Trainings. Sie kreisten nur um eine Person: Silvion.
In den letzten Jahreswechseln hatte sich vieles zwischen ihnen verändert. Silvion war längst nicht mehr nur ihr Trainer, der sie in den Kampfkünsten unterrichtete. Er war zu einem Freund geworden, einem Vertrauten, der sich wirklich um sie sorgte und der immer an ihrer Seite war. Er kannte die Last ihrer Verantwortung als Prinzessin und die Herausforderungen, die auf ihren Schultern ruhten. Doch für Silvion war sie nicht nur die Prinzessin von Averlyn – für ihn war sie einfach Lyanara. Und das wusste sie.
Sein charmantes Lächeln, das ihre Unsicherheiten in den Kampfstunden stets aufhellte, und die ruhige Art, mit der er ihr das Kämpfen beibrachte, gingen ihr nicht aus dem Kopf. Jedes Mal, wenn er ihre Haltung korrigierte, seine Hände sanft, aber bestimmt an ihrem Arm oder ihrer Taille anlegten, hinterließ das ein Kribbeln, das sie nicht mehr ignorieren konnte. Ihr Herz schlug schneller, wenn er sich über sie beugte, um einen Kampfzug zu zeigen, und ihre Gedanken wurden immer mehr von ihm gefangen genommen. Sie war ihm verfallen – seinem feurigen Haar, das im Sonnenlicht fast golden schimmerte, und den tiefbraunen Augen, die sie durchdrangen und gleichzeitig beruhigten. Es war schwer, all diese Gefühle zu ordnen.
Ein Seufzen entfuhr ihr, und sie legte die Bandagen beiseite. „Was wäre, wenn …“, dachte sie, „was wäre, wenn Silvion mich zum Frühlingsball begleiten würde? Er müsste mich nur fragen … aber vielleicht empfindet er ja doch nicht dasselbe wie ich …“ Ihre Gedanken kreisten, bis sie sich entschloss, den Raum zu verlassen und zum Trainingsplatz zu gehen. Sie musste sich ablenken.
Dort angekommen, wartete Silvion bereits auf sie. Er war wie immer in seiner schlichten, schwarzen Trainingsgewandung gekleidet, die zwar funktional war, aber dennoch eine gewisse Eleganz ausstrahlte. Der Schnitt betonte seinen muskulösen Körper, doch das war nicht das, was Lyanara an ihm faszinierte. Es war seine Ausstrahlung, seine Ruhe, die ihn so anziehend machten. Als er sie erblickte, schenkte er ihr ein strahlendes Lächeln, und schon wieder dieses Kribbeln, das sie nicht mehr ignorieren konnte. Sie spürte, wie ihre Wangen leicht erröteten, und riss sich zusammen, um nicht zu viel von ihren Gefühlen preiszugeben.
„Und was steht heute an?“ fragte sie, ihre Stimme mit einer Mischung aus Neugier und Vorfreude. Silvion hob eine Augenbraue, das grinsen auf seinen Lippen war unübersehbar.
„Wir gehen spazieren“, antwortete er in einem leichten, aber entschlossenen Tonfall. „Die Prinzessin kann sich doch am Tag des Frühlingsballs keine Verletzung leisten. Sie muss schließlich in voller Pracht für die werten Herren Averlyns glänzen.“
Lyanara verschränkte die Arme und rollte genervt mit den Augen. Sie wusste, dass er recht hatte, aber das machte es nicht leichter, sich von der eigentlichen Herausforderung – dem Kämpfen – abzuwenden. Der Frühlingsball war eine Art Schaubühne für die jungen Adligen, bei der sie ihre besten Qualitäten zeigen mussten. Für Lyanara war es ein Abend voller Erwartungen und Prüfungen, bei dem sie nicht nur die Männer des Hofes anlächeln und beurteilen musste, sondern auch selbst unter die Lupe genommen wurde.
„Ach, und du, Silvion, wirst dich natürlich wieder amüsieren, wenn alle Herren sich um mich bemühen, um mir zu gefallen, während du mit einem Lächeln zusiehst, oder?“ meinte sie mit einem spöttischen Unterton, der die angespannte Stimmung auflockern sollte.
„Nun, ich werde schon dafür sorgen, dass du deinen Auftritt nicht mit einer Delle im Kleid machst“, erwiderte Silvion, dabei seine Augenbrauen hebend. „Komm, wir gehen einfach.“
Sie verließen den Trainingsplatz und gingen durch die belebte Innenstadt von Averlyn. Der Duft von frisch gebackenem Brot wehte von den nahen Bäckereien herüber, und die Straßen waren voll von Menschen, die für den bevorstehenden Ball einkauften. Sie gingen weiter und verließen schließlich die Stadt hinter sich, betraten den Wald, den Lyanara nur zu gut kannte. Es war ein Ort, der ihr Halt gab, der sie an die ruhigen Momente ihrer Kindheit erinnerte.
„Und was soll uns dieser Spaziergang nun bringen?“ fragte Lyanara, als sie langsam neben Silvion herging.
„Manchmal ist es gut, einfach nur zu gehen und nachzudenken“, antwortete Silvion ruhig. „Du denkst zu viel nach, Lyanara. Du solltest dich nicht von den Erwartungen anderer unter Druck setzen lassen. Du bist mehr als nur die Prinzessin von Averlyn.“
Diese Worte trugen etwas in sich, das sie noch nie zuvor gehört hatte. Für einen Moment blieben sie stehen, und Lyanara sah Silvion an. Ihre Augen trafen sich, und für einen flimmernden Moment schien die Welt um sie herum stillzustehen.
Der Weg war von sanften Hügeln umgeben, und die Bäume, noch jung im Frühjahr, begannen, ihre ersten zarten grünen Blätter zu entfalten. Der Boden war weich und moosbedeckt, und der Geruch von Erde und frischem Grün lag in der Luft. Es war ein Ort der Ruhe, weit entfernt von den prunkvollen Hallen des Palastes, wo jeder Schritt von den hohen Erwartungen und den Augen der Hofgesellschaft begleitet wurde. Hier, im Wald, konnten sie einfach sie selbst sein.
„Es fühlt sich irgendwie befreit an, nicht wahr?“ sagte Lyanara, als sie einen Blick auf die sich windenden, schattigen Pfade warf, die in das Dickicht führten.
Silvion, der einen Schritt vor ihr ging, nickte und blieb kurz stehen, um einen Ast aus dem Weg zu schieben. „Ja, der Wald hat seine eigene Art, den Geist zu befreien. Man kann den ganzen Lärm der Welt hinter sich lassen und einfach nur sein.“
Lyanara atmete tief ein, und der Duft der Kiefernnadeln und des feuchten Mooses füllte ihre Lungen. Auch die Gedanken, die sie vorhin noch beschäftigten, verwischten sich mit jedem Schritt, als ob der Wald die Sorgen einfach forttrug.
Die Bäume standen dicht beieinander, ihre Kronen bildeten ein Dach aus zarten grünen Blättern, das das Licht dämpfte und den Wald in ein sanftes, fast magisches Licht tauchte. Die Vögel zwitscherten in den Ästen, und das Rascheln des Windes in den Blättern war beruhigend, als würde der Wald selbst in ruhigem Takt atmen.
„Glaubst du, dass der Ball heute Abend so ist, wie die meisten denken?“ fragte Lyanara, ihre Stimme ein wenig nachdenklich. „Ein Fest, um zu zeigen, wer am besten tanzen kann oder wer die schönsten Kleider trägt?“
Silvion schaute sich kurz um, als ob er die Frage abwägen wollte, bevor er antwortete. „Vielleicht. Es ist ein Ort für höfische Spiele und Äußeres. Aber tief drinnen weiß jeder, dass es mehr ist. Es geht um Entscheidungen, um Beziehungen, um das, was wir werden sollen. Und doch… es gibt eine Leichtigkeit, die der Ball nie haben wird. Solange wir uns nicht von den Erwartungen der anderen erdrücken lassen.“
Lyanara ließ sich auf dem weichen Waldboden nieder, die Bäume um sie herum verschafften ihr ein Gefühl von Geborgenheit, als ob der Wald sie in seiner weiten Stille schützte. Ihre Gedanken schweiften weiter, immer wieder zurück zu Silvion. Heute Abend würde der Ball ein Ort sein, an dem sich alles entscheiden könnte – und sie fragte sich, was Silvion wohl von ihr hielt. War er nur der Trainer, der die junge Prinzessin auf den richtigen Weg wies? Oder… war da mehr?
„Was wirst du heute Abend tun?“ fragte sie schließlich, ihre Augen auf den Boden gerichtet. „Wer wird mit dir tanzen, Silvion?“
Er schien kurz innezuhalten, als ob er sich nicht sicher war, wie er antworten sollte. Dann setzte er sich neben sie, so dass ihre Schultern sich fast berührten. „Vielleicht jemand, der den Mut hat, sich von der Menge abzuheben“, sagte er mit einem sanften Lächeln.
Lyanara drehte ihren Kopf und blickte ihn an. Ihre Blicke trafen sich für einen flimmernden Augenblick, und das Kribbeln, das sie so oft bei ihm gespürt hatte, war plötzlich da. Für einen Moment war es so, als ob die Welt um sie herum stillstand. Kein Ball, keine Verpflichtungen – nur sie beide, der Wald und der weite, offene Himmel.
„Ich hoffe, du wirst die richtige Person finden“, sagte sie leise, und es war nicht nur eine höfliche Floskel. Es war ein Wunsch, den sie selbst fast nicht aussprechen wollte.
„Ich denke, das wird sie“, antwortete Silvion leise, und es klang fast wie ein Versprechen. Ein Versprechen, das sie beide noch nicht verstanden, aber das irgendwie in der Luft schwebte, als ob der Wald es für sie aufbewahrte.
Der Spaziergang ging weiter, der Wald öffnete sich immer wieder zu kleinen, abgelegenen Lichtungen, in denen das Mondlicht sich auf dem weichen Moos sammelte und die Luft noch frischer und klarer wurde. Die Gespräche zwischen den beiden blieben spärlich, doch sie fühlten sich nicht gezwungen, Worte zu finden. Es war eine stille Verbindung, die wuchs, auch ohne dass sie es aussprechen mussten.
Und dann, als sie einen kleinen Hügel erreichten, hielt Silvion inne und drehte sich zu ihr um. „Lyanara“, sagte er, und seine Stimme war nun fast ein Flüstern. „Ich wollte dich fragen…“
Lyanara schaute ihn mit großen Augen an, ein wenig überrascht von der plötzlichen Ernsthaftigkeit in seiner Stimme. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Doch bevor sie reagieren konnte, fuhr Silvion fort.
„Möchtest du mit mir zum Ball gehen?“, fragte er schließlich. Es war eine einfache Frage, doch sie trug eine Bedeutung, die tief in ihr nachhallte. Ein Moment, in dem er sie nicht nur als Prinzessin sah, sondern als die junge Frau, die sie wirklich war.
Lyanaras Herz schlug schneller. Ihre Gedanken schienen zu rasen, aber sie wusste genau, was sie wollte. Sie nickte, ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. „Ja, Silvion. Ich würde gerne mit dir tanzen.“
In diesem Moment schien der Wald sie zu umarmen, und für einen flimmernden Augenblick fühlte sich der kommende Ball gar nicht mehr wie ein Pflichtauftritt an. Es war vielmehr der Beginn von etwas, das sie sich so lange gewünscht hatte.
Die beiden gingen weiter durch den Wald, und als sie schließlich zurück zum Palast kamen, wusste Lyanara, dass sich alles ändern würde – der Ball war nur der erste Schritt auf einem neuen Weg, der sie zu Silvion und vielleicht auch zu sich selbst führen würde.
Kapitel 6
Im Vorhof angekommen, flitzt Lyanara eilig zurück in den Palast. Es war bereits fast Sonnenhoch, und sie war viel zu spät dran. In ihrem Zimmer erwartet sie schon eine Gruppe leicht gestresster Bedienstete. Ohne Umschweife schwärmen sie um Lyanara herum: Zwei kümmern sich um ihre unbändigen Haare. Die langen, braunen Locken werden aufwendig geflochten und mit unzähligen goldenen Verzierungen geschmückt, unter denen auch einzelne lilafarbene Steine hervorblitzen. Drei weitere Bedienstete hantieren mit lila Stoffen und Unterseide und zwängen sie vorsichtig, aber bestimmt in ihr Kleid. Eine weitere reicht Lyanara im Sekundentakt verschiedene Schmuckstücke, bis das Gesamtbild an einen goldenen Sternenhimmel erinnert.
Nach und nach kehrt Ruhe unter den Dienstmädchen ein, bis sie schließlich zu sechst mit verschränkten Armen vor Lyanara stehen und ihr Werk zufrieden betrachten. „Ihr seht fabelhaft aus, Prinzessin“, bemerkt eine von ihnen anerkennend. Mit diesen Worten erhebt sich Lyanara, tritt zum nächsten Spiegel und begutachtet ihr makelloses Erscheinungsbild.
Ihr Kleid erstrahlt in tiefen Lilatönen mit einem sanften Farbverlauf. Das schulterfreie Design betont elegant ihreSchultern, während transparente Ärmel fließend in eine majestätische Schleppe übergehen. Der Stoff schmiegt sich perfekt an ihre Taille und ist mit funkelnden Sternen und geschwungenen Linien verziert, die an einen Sternenhimmel erinnern. Der weite Rock fällt anmutig, und glitzernde Akzente verleihen dem Kleid eine magische Ausstrahlung.
Die goldenen Akzente in ihrem Haar, an ihren Armen und Ohren bieten den perfekten Kontrast zu ihrer dunklen Haut. Lyanara schmunzelt. Sie war zwar hohen Standard an Kleidung gewohnt, aber dieses Kleid war wohl das schönste, das sie je getragen hatte. „Ich danke euch, werte Damen. Ihr habt euch selbst übertroffen“, sagt sie, und mit diesen Worten strömen die Bediensteten bereits aus dem Zimmer, als wäre es ein vertrauter Ablauf. Doch Lyanara kann ihren Blick noch nicht von ihrem wunderschönen Anblick lösen. Sie streicht über den weichen Stoff und ist wahrlich verzaubert von ihrem eigenen Anblick.
Mit einem Klopfen wurde Lyanara aus ihren Gedanken gerissen. Ein blonder Haarschopf drängte sich durch die Tür, begleitet von einer Welle frischen Zitrusdufts. Lyanara drehte sich in die Richtung des vertrauten Geruchs und sah ihre Mutter im Raum stehen, die sie von Kopf bis Fuß musterte. Dann nickte sie anerkennend. „Fabelhaft“, sagte ihre Mutter mit wenigen Worten, die in Kombination mit ihrem Blick alles sagten. Lyanara wusste sofort, dass sie ihre Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen hatte.
„Hallo, Mutter“, sagte sie sanft und lächelte. Doch ihre Mutter schnitt ihr sofort das Wort ab.
„Ich hörte, du warst heute mit dem werten Herrn Faeriel“, sagte sie und stockte kurz. „Spazieren.“ Neugierig hob sie eine Augenbraue und blinzelte mit einem frechen Funkeln in ihren Augen zu Lyanara.
Lyanara kicherte und antwortete: „Ja, er hat mich gefragt.“
„Wunderbar!“, rief ihre Mutter begeistert. „Er ist ein angesehener Herr mit fabelhaften Kampfkünsten. Besser kannst du Averlyn nicht repräsentieren.“ Sie nickte zufrieden und entschlossen. „Und mit diesem Kleid und deinem hübschen Gesicht ist es perfekt.“
Mit roten Wangen antwortete Lyanara schüchtern: „Danke, Mutter.“
Damit drehte sich ihre Mutter schwungvoll um und blieb in der Tür stehen. „Ach so, und viel Spaß, meine Kleine“, rief sie ihr noch zu, bevor sie die Tür hinter sich zuschlug. Ein erneuter Schwall Zitrusduft strömte in den Raum und ließ Lyanara ein wohliges Gefühl durchströmen.
Dann seufzt Lyanara und wirft einen letzten Blick in den Spiegel. Sie streicht über den weichen Stoff ihres Kleides, und eine braune Strähne wird sanft hinter ihr spitzes Elfenohr gelegt. Mit einer kribbelnden Vorfreude auf den Abend begibt sie sich zur Tür. Ihre Gedanken sind bei Silvion, als sie durch den vertrauten Palast geht.
Im Vorraum des Ballsaals angekommen, wirft sie einen höflichen Blick um sich. Ihre Fassade der wohlerzogenen Prinzessin und zukünftigen Königin von Averlyn ist perfekt aufgesetzt. Schon spürt sie die Blicke der Anwesenden auf sich. Mit einem eleganten Knicks, bei dem ihr Kleid in weichen Wellen zu Boden fällt, zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich. Im Raum befinden sich Dutzende von Elfen, die in prachtvollen, bunten Kleidern und Anzügen gekleidet sind – jedes edler und extravaganter als das andere. Bewundernd betrachtet sie die Farbenpracht, als sie plötzlich aus ihren Gedanken gerissen wird. Es ist Silvion, der sich neben sie stellt.
Er trägt einen elegant geschnittenen Anzug mit einem barocken grauen Muster und einem weißen Hemd darunter. Sein rotes, schulterlanges Haar ist in einem halben Dutt hochgebunden, und mit einem charmanten Lächeln begrüßt er sie.
„Seid gegrüßt, Prinzessin“, spricht er übertrieben höflich.
Lyanara kichert und erwidert mit einer ebenso übertriebenen Verbeugung: „Ich grüße euch, werter Herr Faeriel.“
Er lächelt herzhaft, und wieder spürt Lyanara dieses seltsame Kribbeln in ihrem Inneren. „Du siehst wirklich atemberaubend aus, Lyanara“, sagt er nun ehrlich, sein freches Lächeln bleibt.
Ein sanftes Erröten steigt in Lyanaras Wangen, und sie lächelt geschmeichelt. Doch ihr Gespräch wird unterbrochen, als das Ertönen von Trompeten die Luft durchbricht. Das Zeichen für das Aufstellen. Lyanara, eingehakt in Silvions Arm, begibt sich an ihre Position vor der Tür. Als Prinzessin muss sie natürlich als Erste eintreten – eine Geste, die sie nicht besonders schätzt, aber Pflichten sind nun einmal Pflichten. Sie wirft einen kurzen, schwärmenden Blick auf Silvion, und er erwidert ihn mit einem Lächeln, das die Luft zwischen ihnen förmlich glühen lässt.
Ein weiteres Horn ertönt, und Lyanara setzt ihre höfliche Prinzessinnen-Miene auf. Die große, goldverzierte Tür wird geöffnet, und Lyanara blickt in den prachtvoll geschmückten Ballsaal. In der Luft schweben, durch Magie Laternen, deren flackernde Kerzen den Raum in ein warmes Licht tauchen. Rechts und links erheben sich Tribünen, die mit Elfen aus Averlyn gefüllt sind, die gespannt den zukünftigen Adel, die Ritter und die Regierung des Landes bestaunen. Mit langsamen, stolzen Schritten führen Lyanara und Silvion die jungen Elfen an, ihre Köpfe erhoben, die Lippen mit einem höflichen Lächeln geschmückt. Doch Silvion scheint die Aufmerksamkeit etwas aufgeregter zu fühlen als Lyanara, die diese Blicke bereits gewohnt ist.
In der Mitte des Raumes bleibt Lyanara stehen, und Silvion stellt sich ihr gegenüber. Wartend, bis sich die anderen Paare ebenfalls in einer Linie aufgestellt haben, ergreift Silvion schließlich das Wort. Mit flüsternder Stimme sagt er: „Deine Augen sehen aus wie warmer Bernstein in diesem Licht.“ Überwältigt errötet Lyanara, bevor sie sich bedanken kann, ertönt bereits die Musik vom Ende des Raumes.
Schwungvoll beginnen sich die Paare zu bewegen. Sie drehen sich und tanzen atemberaubend durch den Saal. Im bunten Farbenspiel der Kleider wirbeln sie umher – von Hebefiguren bis zu eleganten Drehungen, der Eröffnungswalzer umfasst alles. Die Blicke zwischen Silvion und Lyanara haben eine unglaubliche Intensität, die Lyanara leicht ablenkt. Doch das Tanzen wurde ihr von klein auf beigebracht, und sie beherrscht es womöglich im Schlaf.
Der Abend verläuft wie all die vielen Adel-Events, die Lyanara bereits von klein auf kennt – langweiliger Smalltalk und viel Show. Immer wieder treten verschiedene Männer an sie heran, um ihr von ihren angeblichen Errungenschaften zu erzählen, während Lyanara, wie immer, höflich und mit bewunderndem Lächeln zuhört. Doch innerlich ist sie längst abwesend, lässt ihren Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach etwas – etwas, das diesen Abend weniger monoton macht.
Doch dann bleibt ihr Blick plötzlich an einer Gestalt hängen, die sich überraschend vor ihr auftut. Bereit für das übliche Geprotze, richtet Lyanara ihren Blick auf den neuen Ankömmling – und ist überrascht. Statt des gewohnten, prätentiösen Adeligen, der sich ihr gewöhnlich nähert, steht nun Yavus vor ihr. Er trägt einen marineblauen Anzug, der seine eisblauen Augen betont, und sein selbstgefälliges Lächeln wirkt wie ein Schatten über dem eleganten Auftritt.
„Prinzessin“, sagt er mit einem Hauch von Spott in seiner Stimme und verneigt sich nur leicht, als sei er sich ihrer Präsenz längst gewohnt. „Wie bezaubernd, dich wiederzusehen.“
Lyanara spürt sofort, wie sich ihre Laune ändert. Sie kann das arrogante Funkeln in seinen Augen schon spüren, bevor er auch nur ein Wort spricht. Dieser Mann, mit seinen giftigen Sticheleien und seiner hinterhältigen Art, weiß genau, wie er ihr Fassade zum Bröckeln bringtt. Dennoch bleibt sie ruhig.
“Yavus“, antwortet sie kühl und sieht ihn mit einem schmalen Lächeln an. „Es ist in der Tat ein überraschendes Vergnügen.“
Er schnaubt kurz auf, als würde er ihren kalten Empfang kaum bemerken, und stellt sich dann etwas näher zu ihr. „Wie schade, dass der Ball so wenig bietet“, sagt er, und es klingt fast, als würde er ihre Gedanken aufgreifen. „Aber immerhin hast du ja die Gelegenheit, einige Männer kennenzulernen, die dir Geschichten über ihre ‚Wunder‘ erzählen können, oder?“
Lyanara spürt, wie sich ihr Magen verkrampft, als er die Worte „Wunder“ so spöttisch auszusprechen scheint. „Einige Geschichten sind tatsächlich sehr unterhaltsam“, erwidert sie mit einem milden Lächeln, aber der bissige Unterton in ihrer Stimme bleibt nicht unbemerkt.
„Ach, ich bin mir sicher“, sagt Yavus, als er mit einem spöttischen Blick einen Schritt näher tritt. „Aber sei vorsichtig, Prinzessin. Die meisten dieser Männer sind vermutlich genauso wenig bemerkenswert wie du… oder etwa nicht?“
Er lässt die Worte in der Luft hängen, seine Augen funkelnd vor belustigtem Zorn. „Du verstehst, was ich meine, nicht wahr? Hinter der Fassade von Höflichkeit, die du ständig aufsetzt, verbirgt sich doch nur… Leere.“
Lyanara kann fühlen, wie sein Gift langsam in ihre Gedanken sickert. Sie muss sich beherrschen, um ihm nicht mit ihrer Hand durch sein Gesicht zuwischen. Doch sie lässt sich nicht provozieren. „Yavus“, sagt sie ruhig, „Du hast deine Meinung. Schade, dass du es so schwer hast, den Wert von Anstand zu erkennen.“
„Anstand?“ Yavus lacht leise, und sein Lächeln wird noch schärfer, fast schon bissig. „Anstand ist eine Eigenschaft der Schwachen, Prinzessin. Du solltest dir das merken. Vielleicht kannst du ja damit etwas anfangen, wenn die Welt sich wirklich einmal gegen dich stellt.“
Lyanara fühlt die Kälte seiner Worte in ihrer Brust. Doch sie bleibt standhaft. Ihre Haltung bleibt unerschütterlich, auch wenn es sie innerlich brennt. „Vielleicht“, antwortet sie mit einem scharfen Blick, „wirst du noch lernen, was wirklich Stärke bedeutet, Yavus. Aber ich bezweifle es.“
Er zuckt nur mit den Schultern und schenkt ihr ein peinlich freundliches Lächeln. „Nun, Prinzessin, du wirst sehen, wie die Zeit dir die Augen öffnet. Aber bis dahin kann ich dir nur raten, vorsichtig zu sein – auch die glänzendste Fassade kann zerbrechen.“
Mit diesen Worten dreht sich Yavus um, als wollte er das Gespräch beenden. Doch der Blick, den er über die Schulter wirft, bleibt ein letzter, scharfer Stich in ihre Richtung – und Lyanara weiß, dass er nicht der letzte sein wird.
Nach dem kurzen, hitzigen Moment zwischen Yavus und Lyanara verläuft der Abend genauso monoton wie zuvor. Die belanglosen Gespräche und die Männer, die sich ständig zu ihr gesellen, wechseln sich ab, doch nichts daran verändert sich wirklich. Gegen Abend leeren sich die Tribünen, die Stimmung wird lockerer, die Atmosphäre heiterer. Der eigentliche Spaß beginnt: Die jungen Elfen mischen sich nun untereinander, der Wein, der im Laufe des Abends ausgeschenkt wurde, hat seine Wirkung nicht verfehlt, und die Musik wird schwungvoller.
Lyanara steht am Rand der Tanzfläche und beobachtet, wie Yavus mit einer blonden Elfe tanzt, deren Kleid in einem wunderschönen Himmelblau leuchtet. Mit einem wütenden Blick fixiert sie ihn, als wolle sie ihm durchbohrende Blicke zuwerfen, doch bevor ihre Gedanken sich weiter in diesen Fluten der Zornes auflösen können, wird sie von Silvion aus ihren Gedanken gerissen.
„Möchtest du etwa auch tanzen?“, fragt er mit einem Lächeln, das so ehrlich ist, dass Lyanara für einen Moment vergisst, wo sie sich befindet. In seiner Hand hält er zwei Weingläser, eines rot, das andere weiß. Das rote Glas reicht er ihr, und sie nimmt es mit einem Lächeln an. Es war immer der rote Wein, den sie bevorzugte – und dieser kleine Moment zeigt ihr wieder, wie sehr er sie doch kennt.
„Danke, Silvion“, sagt sie leise, ein Lächeln auf ihren Lippen, als sie das Glas anhebt.
„Ich dachte, wir könnten einen Moment für uns haben, ohne all diesen Trubel“, schlägt er vor, während sie gemeinsam am Rand der Tanzfläche stehen, inmitten des heiteren Treibens.
Lyanara nickt zustimmend. „Ja, das klingt gut. Der ganze Abend ist irgendwie…monoton.“
„So geht es mir auch“, erwidert Silvion mit einem Lächeln. Die Musik und das Lachen der anderen Gäste scheinen plötzlich weiter entfernt, als ob sie in einer Blase stehen, ganz für sich. „Es ist seltsam, inmitten dieser Leute zu sein und sich zu fragen, wie viel davon wirklich echt ist und was Fassade“, sagt er nach einer kurzen Stille und schaut in ihre Augen.
lyanara nickt nachdenklich. “Ich weiß was du meinst”, antwortet sie schließlich “Es ist schwer, zwischen den Personen zu unterscheiden, die nur den Schein warehn wollen und jene die sich wirklich öffnen wollen.” Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Glas.
Er schaut sie an, und in seinen Augen blitzt etwas, das Lyanara nicht ganz einordnen kann. „Was meinst du?“, fragt er leise.
„Nun ja…“, beginnt sie und setzt das Glas ab, „wir leben in einer Welt, in der jeder sich hinter einer Maske versteckt. Aber irgendwann muss man sich doch fragen, ob man nicht wenigstens mit einer Person ehrlich sein kann.“ Sie schaut ihm in die Augen. „Aber das ist wohlmöglich für manche zuviel verlangt“
Silvion scheint kurz innezuhalten, als ob ihre Worte ihn unerwartet getroffen hätten. „Du hast recht“, murmelt er schließlich. „Ich habe oft das Gefühl, dass wir nie wirklich gesehen werden, nur das, was wir repräsentieren. Ich als Sohn des großen Generrals Faerie und du zukünftige Königin Averlyns“
„Genau“, sagt Lyanara, ihre Stimme leise, fast vertraulich. „Es ist schwer, jemanden zu finden, der mehr sieht als nur die Prinzessin. Jemanden, der wirklich versteht, wer man selbst ist.“ Ihre Blicke treffen sich, und sie spürt eine Verbindung, die sie nur zu gut kennt. Die beiden sind sich in diesem Moment näher als je zuvor, obwohl keine Worte darüber gesprochen wurden.
„Vielleicht bist du…“, beginnt Silvion, doch bevor er weitersprechen kann, ertönt eine laute Musik aus dem Hintergrund, die den Moment unterbricht.
Lyanara schaut ihm tief in die Augen, als sie die Gelegenheit hat, eine Antwort zu finden, doch sie bleibt stumm. Stattdessen nimmt sie einen letzten Schluck von ihrem Glas und sieht, wie die Gäste sich wieder auf die Tanzfläche bewegen, lauter und ausgelassener. Die Musik nimmt wieder Fahrt auf, und die Menschen beginnen, sich im Takt zu wiegen.
„Es war schön, das Gespräch zu führen“, sagt Silvion nach einer kurzen Pause. „Vielleicht sollten wir das öfter tun anstatt nur zu trainieren.“
„Vielleicht“, antwortet Lyanara, und auch wenn sie weiß, dass ihre Worte mehr bedeuten als sie zeigen möchte. Damit verschwindet er im Getümmel der Gäste. Der Abend geht weiter, und sie weiß, dass zwischen ihnen etwas in der Luft liegt, auch wenn sie noch nicht genau benennen kann, was es ist.
Kapitel 7
Lyanara streift weiter durch den Saal, die Gedanken noch immer bei ihrem Gespräch mit Silvion. Sie braucht einen Moment für sich, einen Moment der Ruhe, ohne die neugiriegen Blick der anderen die auf ihr Ruhen. Doch als sie um eine Ecke biegt, bleibt sie plötzlich stehen. Ihr Herz setzt einen Schlag aus. Vor ihr, in einer abgelegenen Ecke, sieht sie Silvion – mit einer anderen Elfe. Er küsst sie.
Lyanara bleibt wie versteinert stehen, der Anblick trifft sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihre Augen weiten sich, als sie den vertrauten Glanz in Silvions Augen sieht, der auf der Elfe ruht – der gleiche Blick, den er ihr in jenem Moment gerade noch gegeben hatte.
Schlagartig wird ihr klar, dass sie sich geirrt hat. Der schmerzhafte Stich in ihrem Herzen breitet sich wie ein brennendes Gefühl aus. Ihre Augen brennen, und sie spürt, wie die Tränen sich in ihr sammeln. Doch sie darf sich nicht zeigen, darf nicht schwach wirken. Sie schluckt den Schmerz hinunter, so gut es geht, und zwingt sich zu einer gefassten Miene. Ihr Inneres zerreißt, doch äußerlich bleibt sie ruhig, verlässt mit einem Schritt den Saal.
Kaum ist die Tür hinter ihr zu, bricht der Damm. Die Tränen rollen ihr über die Wangen, unaufhaltsam. Gerade noch schien es so, als würde Silvion sie sehen, sie wertschätzen, als könnten die Gefühle, die sie hegte, vielleicht auch von ihm erwidert werden. Doch die Realität trifft sie hart: Offensichtlich war sie in ihrer Hoffnung allein. Es war nie mehr als eine Fassade.
Mit schnellen, beinahe wütenden Schritten geht sie den Gang entlang, an den anwesenden Elfen vorbei, bis sie die Treppen zum Garten erreicht. Sie ignoriert die Blicke und das Gemurmel, das ihr folgt.
„Prinzessin?“ Ein neutraler Ton, den sie gut kennt – Yavus. Sie spürt, wie ihre Wut aufsteigt, doch der Schmerz in ihr ist so laut, dass sie nicht in der Lage ist, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Für diesen einen Moment hat er keinerlei Bedeutung mehr. Ohne ihm einen Blick zu schenken, stürmt sie weiter, hinaus in die frische Nachtluft.
Der Garten empfängt sie mit seiner Kühle. Sie läuft, fast wie getrieben, und erreicht den kleinen Teich, der in der Dämmerung still vor sich hin plätschert. Sie lehnt sich an den Stamm einer Weide, und der Schmerz, der sie durchzieht, reißt sie schließlich von den Füßen. Hockend auf dem Boden, die Hände an ihrem Gesicht, bricht sie in unkontrollierten Schluchzern zusammen.
In ihrem Kopf hallen die Worte von Yavus wider, die sie nie ganz vergessen hat: „Wohlmöglich ist hinter ihrer Fassade als Prinzessin wirklich nur Leere.“ Diese Worte, die sie immer abgewehrt hat, treffen sie nun mit voller Wucht. Sie fühlt sich leer, ausgebrannt, als wäre alles, was sie zu sein glaubte, nicht mehr als eine Farce. Und der schmerzhafte Gedanke, dass sie vielleicht nie wirklich jemandem genug bedeutet hat, lässt sie tief in den Schmerz sinken.
„Lyanara?“ Eine kräftige Stimme unterbricht ihr Schluchzen. Verheult blickt sie auf, und vor ihr steht Yavus. Sofort schlägt ihre Trauer in Wut um. „Scher dich zu den Ratten, Yavus!“, keift sie ihn an.
Er hebt beschwichtigend beide Hände. „Was ist bitte passiert?“, fragt er überraschend besorgt.
„Ach auf einmal interessiert es dich?“, faucht sie zurück. „Damit du weiter provozieren kannst? Soll Fíyah dich doch holen!“
„Glaubst du wirklich, dass ich eine Dame in deinem Zustand provoziere?“ Yavus’ Worte hallen in der Luft, als ein Dolch plötzlich an seinem Kopf vorbeifliegt. Gerade noch rechtzeitig kann er sich wegducken.
Mit funkelnden Augen blickt Lyanara ihn an. „Langsam, Prinzessin“, erwidert er ihr, noch immer etwas überrascht. Dann hockt er sich neben sie, lehnt sich gegen den Stamm und zieht sein balues Jacket aus, um es ihr über die Schultern zu legen. Lyanara grummelt widerwillig, doch die Geste ist nicht zu übersehen.
Er mustert sie mit seinen eisblauen Augen, die ihr verweintes Gesicht betrachten. „Ich frag noch mal, Prinzessin. Was ist passiert?“
Erneut durchzuckt ein zerrissener Schmerz ihr Innerstes. Sie kann sich nicht mehr zusammenhalten. Die Tränen rollen ihr unaufhaltsam über die Wangen, und unter einem verzweifelten Schluchzen sinkt sie in Yavus’ Schoß. Überfordert streichelt er ihr zögerlich den Rücken, als er versucht, sie zu beruhigen. Der Moment ist so unerwartet, dass es für sie schwer fällt, zu verstehen, warum er ihr überhaupt in diesem Moment hilft. Doch die Schmerzen, die sie durchzieht, lassen ihr keine Wahl, als sich in die kleine, unerwartete Zuflucht zu flüchten.
Yavus hielt sie für einen Moment still, als Lyanara sich an ihn klammerte. Seine eisblauen Augen waren nicht mehr von der früheren, spöttischen Schärfe, die sie gewohnt war, sondern von einer seltsamen Mischung aus Entschlossenheit und Sorge geprägt. Er seufzte tief, bevor er leise begann zu sprechen.
„Lyanara“, seine Stimme war ernst, „ich weiß, dass du mir nicht vertraust und dass du denkst, ich wäre hier, um zu provozieren. Aber es gibt Dinge, die du nicht weißt.“
Sie blickte mit Tränen in den Augen auf, doch sie sagte nichts. Es war das erste Mal, dass sie ihn so ernsthaft reden hörte.
„Meine Mutter wurde vor Jahren unter dem Befehl deines Vaters verhaftet“, fuhr Yavus fort, seine Stimme mit einer Schärfe, die kaum zu verbergen war. „Ich war damals noch jung und verstand nicht, was wirklich vor sich ging. Man sagte mir, dass sie gegen das Gesetz verstoßen hatte, aber ich wusste nicht, warum oder was genau sie getan hatte. Ich habe jahrelang den Hass gegen deinen Vater gehegt – er war der Grund, warum meine Mutter weg war.“
Lyanara horchte auf, als er eine Pause machte, doch sie sagte nichts. Der Schmerz in seinen Augen war nicht gespielt, das spürte sie.
„Aber vor einiger Zeit habe ich herausgefunden, dass sie illegale Substanzen hergestellt hat. Sie hat mit Dingen gearbeitet, die niemand hätte anfassen dürfen. Deine Familie hatte sie verhaften lassen, weil sie mit diesen Substanzen nicht nur die Gesetze brach, sondern auch Menschen gefährdete. Ich… ich war wütend, als ich das erfuhr. Aber es war nie der Hass auf dich oder deine Familie. Es war immer dieser Schmerz, weil ich glaubte, meine Mutter von jemandem verraten zu sehen, dem ich nie misstraut hätte.“
Yavus blickte auf den Boden, als würde er sich vor den eigenen Gedanken flüchten wollen. „Ich wollte den Schmerz damit kompensiere in dem ich den Hass auf dich abwelze – es ist… kompliziert, Lyanara.“
Er nahm einen tiefen Atemzug und sah ihr dann in die Augen, seine Hand berührte vorsichtig ihren Arm, als wolle er ihr zeigen, dass er es ernst meinte.
„Ich habe oft versucht, dir nahe zu kommen, dich zu verstehen. Und ich hoffe, du kannst mir irgendwann vergeben, dass ich mich dir gegenüber oft auf diese Art verhalte. Es tut mir leid, wenn ich dir wehgetan habe. Aber ich will das du weißt das mein Verhalten nicht deine Schuld ist“
Lyanara war still, ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Ihre Gefühle für ihn waren verworren, und in diesem Moment war sie sich nicht sicher, ob es Mitleid oder Verständnis war, das sie empfand. Doch als sie in seine Augen blickte, sah sie etwas anderes als die aufbrausende Arroganz, die sie von ihm gekannt hatte. Sie sah Schmerz. Und vielleicht, nur vielleicht, auch eine Möglichkeit, dass sie beide in irgendeiner Form zueinander finden könnten.
„Und jetzt?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme leise und zögerlich.
„Jetzt…“ Yavus’ Miene verfinsterte sich ein wenig, „Jetzt weiß ich nicht, was der nächste Schritt ist. Aber ich weiß, dass ich nicht mehr wie damals weiter machen kann. Ich will ehrlich zu dir sein. Ich will, dass du verstehst, warum ich so gehandelt habe. Und vielleicht… vielleicht gibt es eine Chance für uns, etwas anderes zu finden, auch wenn wir beide einen langen Weg vor uns haben.“
Lyanara nickte, auch wenn sie noch nicht genau wusste, was das für sie bedeutete. Doch es war ein Schritt, ein unerwarteter Schritt in eine Richtung, die sie noch nicht begreifen konnte. Dieses Geständnis von yavus, schwächte ihren Schmerz ab und tauschte ihn mit Verwirrung. Diese sanfte Verständnissvolle Art von Yavus kannte sie einfach nicht.
Kapitel 8
Die Zeit verging, und mit jedem Tag, der verstrich, fand Lyanara sich immer öfter in Gedanken bei Yavus. Die ständigen Begegnungen, die scharfsinnigen Gespräche und der unerwartete Halt, den er ihr bot, hatten eine Art von Nähe zwischen ihnen geschaffen, die sie zuvor nie für möglich gehalten hätte. Anfangs war es nur ein schüchternes Band aus Gesprächen und gelegentlichen Blicken. Doch mehr und mehr wurde sie in seinen Bann gezogen – in seine ruhige, aber entschlossene Art. Yavus, der einst für sie nur ein Provokateur gewesen war, wurde zu jemandem, den sie allmählich verstand, der sich, trotz seiner rauen Schale, als jemand entpuppte, der ihr mit einer tieferen Wahrheit begegnete als jeder andere.
Lyanara hatte Silvion nie ganz aus ihrem Leben verbannen können, doch ihre Gefühle für ihn begannen zu schwanken. Früher war er der Prinz ihrer Träume gewesen, der, den sie auf einem Thron an ihrer Seite gesehen hatte. Doch je mehr sie Silvion beobachtete, desto mehr merkte sie, dass er eine andere Seite von sich zeigte – eine, die in ihrer Welt aus Schein und Glanz immer weiter an Bedeutung gewann. Es war, als würde er sich mehr und mehr von der naiven Prinzessin, die sie einmal war, wegdrehen und in eine Richtung gehen, die ihr zunehmend fremd und kalt erschien. Silvion, der einst mit Charme und flimmerndem Lächeln ihre Aufmerksamkeit erregte, war mittlerweile mehr ein Symbol für all das, was sie in den vergangenen Jahren geglaubt hatte, als eine wahre Verbindung zu ihm.
Yavus hingegen zeigte ihr eine andere Art von Nähe. Er war der, der immer da war, wenn sie ihn brauchte, der, der ohne falsche Masken oder vorgefertigte Erwartungen zu ihr sprach. Es war in seinen Augen, dass sie begann, etwas zu sehen, was sie nie erwartet hatte. Der raue Umgang, der Spott, den sie in der Vergangenheit so verabscheut hatte, war nicht mehr da. Stattdessen war da eine echte Zuneigung, ein Interesse an ihr als Person. Und mit jedem Gespräch, jeder Geste, die er für sie tat, wuchs die Vertrautheit zwischen ihnen. Es war wie ein Band, das sich allmählich stärkte und enger zog, ohne dass sie es wirklich bemerkte, bis sie eines Tages feststellte, dass sie für Yavus mehr empfand, als sie zugeben wollte.
Es war an einem lauen Abend, als sie zusammen auf einer der Palastterrassen standen, die unter den sanften Strahlen des Mondes badeten. Der Garten lag in völliger Stille, nur das Rascheln der Blätter war zu hören. Lyanara lehnte sich an das Geländer, ihre Hände zitterten leicht von der Frische des Abends. Yavus stand neben ihr, ebenso ruhig, als ob auch er den Moment spüren würde. Für einen Augenblick sagte keiner von beiden etwas.
„Du hast dich verändert“, sagte Lyanara schließlich leise, ihre Stimme fast ein Flüstern.
Yavus sah sie aus den Augenwinkeln an, ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. „Ich habe nicht nur mich verändert, Prinzessin. Du hast dich auch verändert.“
Es war eine Antwort, die sie überraschte, und doch fühlte sie sich in ihr verstanden. Sie blickte ihn an, der Mond schien in seinen Augen zu glitzern. Sie hatte nie wirklich geglaubt, dass jemand in der Lage wäre, sie so zu sehen, wie er es tat – mit all ihren Unsicherheiten, aber auch mit all ihrer Stärke. Sie spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog, als sie die Verbindung zwischen ihnen erkannte.
„Ich weiß, dass du mich nicht immer gemocht hast“, fuhr sie fort. „Und ich… ich war nie sicher, was du wirklich von mir wolltest.“
Yavus trat einen Schritt näher. „Und jetzt?“ fragte er, seine Stimme sanft, doch mit einer Intensität, die sie nicht ignorieren konnte.
„Jetzt weiß ich, dass ich nie so ganz verstanden habe, was es bedeutet, sich wirklich zu öffnen“, antwortete sie. Ihr Herz klopfte schneller, als sie realisierte, dass sie dabei war, etwas zuzugeben, das sie nie gewollt hatte, auszusprechen. „Aber mit dir… fühle ich mich nicht mehr allein in dieser Welt.“
Yavus’ Blick verhärtete sich nicht, wie sie es von ihm gewohnt war. Im Gegenteil – er trat noch näher, seine Hand ergriff vorsichtig ihre. „Ich habe nie gewollt, dass du dich allein fühlst, Lyanara“, sagte er leise. „Ich wollte immer, dass du weißt, dass es jemanden gibt, der dich versteht, auch wenn ich nie die richtigen Worte gefunden habe.“
Die Worte schwebten in der Luft zwischen ihnen, und in diesem Moment war der Raum um sie herum still, als ob der Garten selbst den Atem anhielt. Lyanara spürte, wie sich ihre Gefühle in eine Richtung bewegten, die sie nie für möglich gehalten hätte. Und Yavus, der, der immer so unnahbar schien, hielt sie jetzt mit einer Wärme, die sie völlig überwältigte.
„Ich… ich denke, ich habe mich in dir verloren“, flüsterte sie, ihre Stimme von der Wahrheit erschüttert.
Yavus’ Augen weiteten sich einen Moment, dann trat er einen Schritt näher, als ob er ihre Nähe spüren wollte. „Und ich in dir“, sagte er mit einem sanften, ernsten Lächeln, bevor er sich zögernd nach vorne beugte, als wollte er ihre Antwort abwarten.
Im selben Augenblick fand Lyanara sich nicht mehr in der Welt der Verpflichtungen und der Erwartungen wieder. Sie war einfach Lyanara, und Yavus war einfach Yavus. Sie schloss die Augen, und als er schließlich ihre Lippen berührte, fühlte sie, wie sich die Welt um sie herum auflöste – ein zartes, unverhofftes Gefühl der Verbundenheit, das sie nie erwartet hätte. In diesem Kuss lag eine Antwort auf all ihre Fragen. Eine Antwort, die nicht in Worten, sondern in einer tiefen, unausgesprochenen Nähe lag.
Und in diesem Moment wusste Lyanara, dass sie die Antwort auf all ihre Fragen gefunden hatte: Sie hatte in Yavus denjenigen gefunden, mit dem sie nicht nur den Schmerz, sondern auch die Freude teilen konnte, die das Leben ihr noch bringen würde.
Kapitel 9
Die Jahre vergingen schnell, und Lyanara, nun 19 Jahre alt, fand sich immer tiefer in der Welt des Adels und der politischen Erwartungen wieder. Noch immer war sie die junge Prinzessin, die sich zwischen Pflicht und ihren eigenen Wünschen bewegte. Ihre Kindheit, erfüllt von Freiheit und Abenteuern, schien weit entfernt. Die Anforderungen des Throns und die ständigen Hoffnungen der Menschen lasteten auf ihren Schultern, während sie sich mehr und mehr der Rolle als zukünftige Königin von Averlyn näherte.
Nach 2 Jahren Turtellei stand die Hochzeit von Lyanara und Yavus an, es war ein wahrhaft glanzvolles Ereignis, das die gesamte Gesellschaft von Averlyn in Staunen versetzte.
Lyanara steht in der prachtvollen Festhalle des Palastes, verziert mit extravaganten goldenen Akzenten und fliegenden Kerzen die den Raum festlich erleuchten. Die hohen Wände strahlten im Schein der tausend Kerzen. Die Tribünen gefüllt mit Adelsfamilien aus ganz Averlyn, die Staunend das frische Ehepaar beäugen.
Lyanaras Kleid ist so extravagant, dass es schon garnicht mehr zu ihr passt. Die Stickereien auf dem Kleid welche feinsäuberlich gearbeitet sind verzieren den Saum des Kleides. Ihr Brautschleier, der Vere´moina, war meherer Meter lang und glänzte in den Farben Averlyns, in der Mitte wurde das Wappen des Königreichs in goldenen Fäden eingearbeitet.
Der Schleier symbolisierte nicht nur die Geschichte ihrer Familie, sondern auch die Erwartungen, die an sie geknüpft wurden – und das Wissen, dass sie der Prinzessin Averlyns gerecht werden sollte.
Yavus hingegen trägt einen maßgeschneiderten Anzug aus tiefschwarzem Samt und edlem Silber. Am Altar stehend treffen sich die Blicke der Beiden, sie werfen sich herzliche Lächeln zu. Mit widerhallenden Klacken ihrer Hohen Schuhen schreitet Lyanara durch die Halle, alle Augen liegen auf ihr.
Der Raum war erfüllt von einer Mischung aus Ehrfurcht und Erstaunen, doch sie spürte vor allem den bohrenden Druck auf ihrer Brust. Es war alles so… perfekt. Perfekt und vollkommen falsch. Das Kleid, der Schleier, der endlose Prunk – es schrie alles nach jemand anderem. Und doch musste sie es sein.
Die Zeremonie erreichte ihren Höhepunkt, als die Noloira, sich in ihrer schlichten, aber ehrfurchtgebietenden Robe aus weißem und goldenem Stoff vor das Paar stellte. Ihre Augen, tief wie der Nachthimmel, musterten Lyanara und Yavus mit einer Ruhe, die den Raum fast still werden ließ.
„Lyanara Enolá Mhyreya von Averlyn, Yavus Naomes Caerviel,“ begann sie, ihre Stimme sanft und doch kraftvoll genug, um jeden Winkel der prunkvollen Halle zu erreichen. „Vor euch stehen nicht nur eure Familien, nicht nur die Augen eures Königreichs, sondern auch die ewigen Bänder der Seelelfen. Der Weg, den ihr gemeinsam beschreiten wollt, ist nicht immer leicht, doch er wird von eurer Hingabe und euren Herzen bestimmt.“
Die Noloira richtete ihren Blick zuerst auf Lyanara. „Lyanara, Tochter von Averlyn, bist du bereit, Yavus als deinen Gefährten zu nehmen, sein Herz zu schützen, wie er das deine, und ihm in Treue beizustehen – in Freude und in Kummer?“
Lyanara holte tief Luft, ein leichtes Zittern in ihrer Stimme, als sie mit einem großen glücklichen Grinsen sagte: „Ja, ich bin bereit.“
Nun wandte sie sich an Yavus. „Yavus Caerviel, bist du bereit, Lyanara als deine Gefährtin zu nehmen, ihr Herz zu achten, wie sie das deine, und ihr in Treue zu dienen – in Glück und in Dunkelheit?“
Yavus, mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und einem Hauch von seinem gewohnten frechen Lächeln, antwortete mit klarer Stimme: „Ja, ich bin bereit.“
Die Noloira nickte, ihre Hände erhoben, und sprach die Worte, die das Paar vereinten. „Möge das Licht der Sterne eure Liebe leiten und eure Seelen in Ewigkeit verbinden.“
Ein leuchtender Faden aus goldenem Licht erschien, gewebt von der Magie der Noloira, verband ihre Hände für einen Moment, bevor er sich auflöste. „Ihr seid nun einander versprochen, in den Augen der Ahnen und des Volkes.“
Ein lauter Applaus erfüllte die Halle, doch in diesem Moment existierte für Lyanara und Yavus nur noch der Blick des anderen – ein Versprechen, das über alles hinausging, was die Welt von ihnen erwartete.
Die königlichen Tribünen erhoben sich, und ein ohrenbetäubendes Schweigen legte sich über die Menge, als ihre Eltern, König Lunas und Königin Noválee, langsam aufstanden. Die Blicke des gesamten Saals richteten sich auf die Herrscher Averlyns, und Lyanara unterdrückte das Drängen ihrer eigenen Gedanken, um die Worte ihres Vaters zu hören.
„Werte Gäste,“ begann Lunas mit seiner mächtigen Stimme, die von den Wänden widerhallte. „Heute ist ein Tag, der uns alle zusammenführt. Eine Vereinigung, die nicht nur zwei Menschen betrifft,” Lyanaras und Yavus Blicke treffen sich und ihre Augen wiederspiegeln ihre Freude “ sondern ein ganzes Königreich, das durch diese Verbindung Stärke und Hoffnung schöpft. Meine Tochter, Lyanara…“ Er hielt inne, sein Blick glitt zu ihr. Für einen winzigen Moment war da etwas Menschliches in seinen Augen, etwas, das fast wie Stolz aussah. „… sie hat die Werte Averlyns verkörpert. Ihre Klugheit, ihre Standhaftigkeit und ihr Mut sind ein Zeichen für die Zukunft unseres Landes. Und an ihrer Seite steht ein Mann, dessen Charakter und Fähigkeiten diese Zukunft nur weiter festigen werden. Yavus, ich danke dir, dass du dich dieser Aufgabe würdig zeigst.“
Ein höflicher Applaus ging durch die Menge, doch Lyanaras Herz schien nur schwerer zu werden. Dann trat ihre Mutter vor, ihre Stimme klar und sanft. „Lyanara,“ begann sie, „als deine Mutter war ich stets stolz auf die Art, wie du deine Pflichten erfüllst. Aber heute…“ Sie hielt kurz inne, ihre eisblauen Augen funkelten. „… heute siehst du nicht nur wie eine Prinzessin aus. Du siehst aus wie eine Königin. Eine Königin, die das Reich mit Würde und Weisheit führen wird.“ Ihre Worte waren so kühl und perfekt gewählt, dass sie fast wie eine gut einstudierte Inszenierung wirkten.
Lyanara lächelte glücklich, eine einzelne Freudenträne rollt ihr über die Wange, berührt von den stolzen Worten ihrer Eltern, für die sie seit Jahren arbeitet.
Ein erneuter Applaus folgte, lauter und prunkvoller als zuvor. Die Menge jubelte, die Musik setzte wieder ein, und Lyanara zwang sich zu einem Lächeln, das niemand außer Yavus durchschauen konnte. Während die Blicke der Gäste auf ihr ruhten, flüsterte er leise zu ihr: „Immerhin haben wir es hinter uns.“ Ein kleines, echtes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Doch innerlich fühlte sie sich wie eine Schauspielerin, die ihre letzte Szene spielte – in einem Theaterstück, das sie sich niemals ausgesucht hatte. Aber dies sind nun mal ihre Pflichten als Prinzessin.
Kapitel 10
Lyanara sitzt in einem großen Hörsaal und lauscht ihrem Professor der Astrologie. Vor ihr liegt ein Buch in dem sie sich fleißig Notitzen macht. Der Hörsaal ist prall gefüllt, hunderte Studenten der Lohandriel nehmen an diesem Kurs Teil. Die Sitzreihen sind bis auf ein paar letzte Plätze besetzte, welche sich genau rundherum um die nun bereits 27 jährige Lyanara befinden. Keiner wagte sich auch nur in die Nähe einer Prinzessin.
Ein seufzen rutschte aus Lyanara, als sie merkte, dass ihre Gedanken genau auf diese Einsamkeit abschweifen. Es war ein tolles Gefühl endlich mehr über die Sterne zu lernen, ihren Kindheitstraum. Das Studium war hart, vor allem weil sie sich für viel zu viele Kurse angemeldet hat. Literatur, Astrologie, Magieverteidigung, Heilung, Alchemie, Geologie und Naturwissenschaften. Sie blätterte in ihrem Notizbuch herum und betrachtete ihren Stundenplan, vor Sonnenuntergang wird sie wohl nicht zuhause sein. Aber warum sollte das schon wichtig sein, Yavus war mit seiner Truppe auf einer Mission, natürlich durfte Lya nichts genaueres Wissen.
Fokus,Lya, ermahnte sie sich selbst, richtete sich auf und richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Professor, der gerade die Konstellation der Drachenflügel erläuterte. Dieses Studium war ihr Traum, und die Sterne hatten sie schon seit ihrer Kindheit fasziniert.
„Prinzessin Mhyreya,“ erklang plötzlich die Stimme des Professors. „Könnten Sie uns bitte erklären, welche Bedeutung die Konstellation der Drachenflügel für die Wintermonate hat?“
Lya blinzelte, richtete sich auf und spürte die Blicke der anderen auf sich. Ihre Wangen wurden leicht rosa, doch sie ließ sich nichts anmerken.
„Natürlich, Professor Tyrian,“ begann sie ruhig und schlug ihre Notizen auf. „Die Drachenflügel sind eine der wichtigsten Konstellationen in der Astrologie von Averlyn. Sie symbolisieren Schutz und Stärke und gelten als Vorzeichen für einen harten Winter. In der alten Tradition glaubte man, dass ihr Erscheinen dazu auffordert, Vorräte anzulegen und das Volk enger zusammenzurücken.“Der Professor nickte zufrieden. „Sehr gut, Prinzessin. Eine ausgezeichnete Antwort. Kann jemand ergänzen, welche Bedeutung diese Konstellation in der modernen Astrologie hat?“
Ein kurzes Schweigen breitete sich aus, bis schließlich eine kühle, klare Stimme aus der hinteren Reihe erklang. „Die Drachenflügel stehen in der modernen Astrologie für Transformation und persönliche Stärke. Sie erinnern daran, dass selbst in harten Zeiten Wachstum möglich ist, wenn man sich den Herausforderungen stellt.“
Lyanara wandte sich um und entdeckte die Sprecherin: eine kleine Elfe mit blasser grauer Haut und blau-grauem Haar, das glatt über ihre Schultern fiel. Ihre Haltung war aufrecht, beinahe steif, und ihre kühlen, silbernen Augen musterten den Professor mit sachlicher Ernsthaftigkeit, als würde sie jede seiner Bewegungen analysieren.„Sehr gut, Velatha Dylandrael,“ sagte der Professor. „Eine wertvolle Ergänzung.“
Velatha nickte knapp, ohne jegliche Emotion in ihrem Gesicht zu zeigen, und setzte sich wieder. Ihre Haltung blieb jedoch weiterhin straff und aufmerksam. Lya musterte sie einen Moment länger. Es war, als würde diese Elfe jede Schwäche in ihrer Umgebung wahrnehmen und sofort bewerten.
Nach der Vorlesung blieb Lyanara noch einen Moment sitzen, während die meisten Studenten den Saal verließen. Doch plötzlich erschien Velatha an ihrer Seite.
„Prinzessin,“ sagte die kleine Elfe ohne Mhyreya zunächst anzusehen. „Eine wahrlich beeindruckende Antwort. Ihr habt den Nagel gänzlich auf den Kopf getroffen.“
Lyanara war überrascht. Es war selten, dass sie direkt und so unverblümt angesprochen wurde. „Danke,“ erwiderte sie zögerlich. „Eure Ergänzung war ebenfalls sehr klug. Ihr scheint die Sterne wirklich zu verstehen.“
Velatha zuckte mit den Schultern, legte Ihr Haar zu einer Seite und blickte sie nun an. „Mir scheint, die Götter ließen unsere Wege nicht ohne Grund kreuzen. Womöglich sollten wir zusammen lernen. Ich habe das Gefühl, wir könnten uns gegenseitig inspirieren.“
Für einen Moment wusste Lya nicht, was sie sagen sollte. Doch dann nickte sie leicht. „Das klingt nach einer guten Idee.“
Velathas strenge Miene wurde durch ein leichtes Lächeln abgelöst. „Dann sehen wir uns bald.“ Sie verbeugte sich leicht, bevor sie sich umdrehte begleitet von einem metallisch-rasselnden Geräusch, der bei jedem ihrer Schritte erklang, aus dem Hörsaal verschwand.
Lyanara blieb allein zurück, nachdenklich. Diese Begegnung war so anders gewesen als alles, was sie bisher erlebt hatte. Velatha Dylandrael wirkte wie eine kalte Brise, streng und unnahbar – und doch spürte sie, dass hinter dieser eisigen Fassade eine Stärke und ein Wissen lagen, die sie gleichermaßen herausforderten und inspirierten.
Zuhause angekommen, blickte sie sich in dem leeren Wohnraum um und seufzte erneut. Seit der Hochzeit sahen sich Yavuz und sie nur noch selten, und wirklich miteinander reden taten sie auch nicht. Wenn er da war, zeigte er sich zwar nett und zärtlich, doch er ließ sie nie wirklich nah an sich heran. Eine tiefe Einsamkeit füllte ihre Brust und zog sich bis in ihren Magen hinab, der nun lautstark rumorte. Doch das war keine Traurigkeit – sie musste sich übergeben. Hastig rannte sie zu einem Wascheimer, der in der Ecke des Raumes stand, und beugte sich darüber.
Das passierte ihr in letzter Zeit öfter. Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, und Tränen liefen über ihre Wangen. Nun hockte sie dort, allein auf dem Boden, während eine schwere Trauer ihre Glieder durchzog. Als der Mond den Himmel küsste, raffte sie sich schließlich wieder auf. Der Hunger quälte sie, und sie musste sich zudem auf ihre Alchemie-Vorlesung am nächsten Tag vorbereiten. Schnell bereitete sie sich ein paar Stullen vor, setzte sich an den Tisch und begann zu lernen, während sie nebenbei am Brot knabberte. Doch wirklich konzentrieren konnte sie sich nicht. Ihre Gedanken schweiften immer wieder zu Yavus und der alles durchziehenden Leere ab.
Nach ein paar Stunden legte sie sich schlafen. Sie sprach ihr Gebet zu den Göttern, bat um Yavus’ Schutz und kuschelte sich dann in ihr Bett. Endlich fand sie den lang ersehnten Schlaf.
Als sie die Augen öffnete, befand sie sich auf einer Wiese. Sie war wunderschön und atemberaubend. Eine Kaninchenfamilie tobte über das saftige Gras, ihre Felle rein wie Schnee. Etwas an ihnen zog sie magisch an. Zögernd machte sie den ersten Schritt und streckte die Hand aus, um eines der Tiere zu streicheln. Doch anstelle des weichen Fells spürte sie eine weiße Feder in ihrer Hand. Irritiert betrachtete sie die Feder, während die Kaninchen nach und nach im Nichts verschwanden. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht – die Feder hatte etwas unberührtes, wunderschönes an sich. Eine wohlig warme Empfindung breitete sich in ihrem Bauch aus.
Doch dann spürte sie etwas Feuchtes auf ihrer Hand. Die Feder begann, sich in eine rote Flüssigkeit zu hüllen. Es war Blut. Es wirkte, als würde die eben noch so reine Feder bluten. Tropfen um Tropfen fielen herab, benetzten das grüne Gras unter ihr und hinterließen einen immer größer werdenden roten Fleck. Panik überkam sie. Als sie einen Schritt zurückgehen wollte, merkte sie, dass sie sich nicht bewegen konnte. Es war, als hielte das Blut sie fest, als würde es sich an sie klammern und von ihr zehren. Sie verlor den Halt, fiel und versank im Blut. Die friedliche Wiese verschwand, und in ihrer Hand blieb nur die Feder, nun verklebt und triefend vor Blut. Um sie herum war nichts als Dunkelheit – und Blut.
Schweißgebadet schreckte Lyanara aus dem Schlaf hoch. Panisch tastete sie nach Yavuz’ Seite des Bettes, nur um festzustellen, dass er nicht da war. Langsam beruhigte sich ihr Atem, doch mit jedem Schlag kehrte die Einsamkeit zurück. Sie wandte sich dem Fenster zu und betrachtete die Sterne. Schon als Kind hatten sie ihr Halt gegeben. Sehnsüchtig blickte sie hinauf, wünschte sich, sie könnte zu ihnen fliegen und selbst ein Stern werden. Ihr einziger Lebenssinn wäre dann, zu leuchten und anderen Wesen Halt zu bieten.
Ein Eulenruf riss sie aus ihren Gedanken. Sie legte sich zurück ins Bett und fiel dieses Mal in einen ruhigeren, erholsameren Schlaf.
Kapitel 11
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen, erwachte Lyanara aus einem erholsamen Schlaf. Der vergangene Tag hatte ihre Gedanken durcheinander gewirbelt, doch zumindest war der Albtraum von der blutigen Feder nicht wiedergekehrt. Sie zog sich an, um zum Unterricht zu gehen, doch als sie in die Küche trat, bemerkte sie durchs Fenster, dass Yavus’ Pferd vor der Tür stand. Es war das erste Mal seit Wochen, dass er zurückgekehrt war.
Herzklopfen ergriff sie, als sie die Treppen hinaufging, doch je näher sie ihrem Zimmer kam, desto stärker wurde das Gefühl der Beklommenheit. Was würde sie sagen? Werde er wie immer kühl und distanziert sein, oder war etwas anders?
Im Flur traf sie ihn. Yavus stand dort, in seiner gewohnten Kampfkleidung, das Haar zerzaust vom langen Ritt, doch etwas an seiner Haltung wirkte… anders. Sie konnte es nicht genau benennen, doch in seinen Augen lag ein Glanz, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.
„Lya,“ sagte er, seine Stimme war ruhiger, beinahe sanft. „Ich bin zurück.“
Sie zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich habe dich vermisst, Yavus. Doch… warum bist du so lange fort geblieben?“
Er nickte, als wolle er sich entschuldigen. Doch dann blickte er sie an, und für einen Moment schien es, als würde etwas anderes in seinen Augen aufblitzen. Etwas, das sie nicht genau einordnen konnte. „Es gab viel zu tun,“ sagte er nur knapp und zog sie dann, fast schon mechanisch, in eine feste Umarmung.
Lyanara spürte, wie sie sich in seinen Armen wieder verlor. Aber es war kein wohltuendes Gefühl, kein Geborgenheitsgefühl wie früher. Etwas war anders, und sie konnte es nicht fassen. Sie fühlte sich immer noch von einer unsichtbaren Mauer abgeschnitten. Vielleicht lag es daran, dass Yavus immer noch nicht wirklich zu ihr durchdrang. Es war, als ob er sich hinter einer Maske versteckte, und das ließ das Drücken in ihrer Brust nur stärker werden.
Die Tage vergingen, und Yavus wirkte immer mehr wie ein Fremder, der zufällig in ihr Leben getreten war. Als sie ihm von ihrem Studium erzählte, reagierte er oft abwesend, als ob seine Gedanken woanders wären. Sogar als sie ihm von den Fortschritten in der Alchemie berichtete, begegnete er ihr mit einem flüchtigen Lächeln und einem Schulterzucken. Die Leere in ihr wuchs, und ihre morgendlichen Übelkeitssymptome wollten nicht verschwinden. Es war beinahe, als würde ihr Körper sich gegen sie wenden, als ob sie mit etwas Unausweichlichem konfrontiert wurde.
Eines Morgens, als sie erneut das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen, und die dunklen Ränder unter ihren Augen deutlicher wurden, sah sie sich im Spiegel und bemerkte eine Veränderung. Es war der leichte, aber erkennbare Bauchansatz, der sich in den letzten Wochen versteckt hatte. Ihr Puls beschleunigte sich, und ihre Gedanken rasten. Hatte sie es wirklich nicht bemerkt? Die schrecklichen Übelkeitsanfälle und die ständige Müdigkeit… Es war, als würde etwas Neues in ihr heranwachsen.
Sie wandte sich mit zitternden Händen Richtung des großen Fensters und blickte in die Ferne, schloss die Augen und wartete, als ob die Antwort auf ihre innere Frage noch in der Luft schwebte. Als sie den Blick wieder auf ihr spiegelbild richtete, sah sie die klaren, Antwort auf ihre Frage.
Die Nachricht traf sie mit einer Wucht, die sie kaum ertragen konnte. Sie war schwanger. Die Worte „schwanger“ hingen wie ein schweres Gewicht in der Luft. Der Schock ließ sie für einen Moment den Atem anhalten. Die Gedanken wirbelten, sie fühlte sich gleichzeitig leer und überfordert.
Doch das, was sie am meisten beschäftigte, war nicht die Tatsache, dass sie ein Kind erwartete, sondern Yavus. Wie würde er reagieren? Wie würde sich alles ändern?
Am Abend, als Yavus nach seiner Rückkehr von einer Besprechung mit seiner Truppe, sah Lya ihn einen Moment lang mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung an. Sie saß auf dem Bett und starrte ihn an, als er sie mit einem kritischen Blick musterte.
„Lya?“ fragte er ruhig, als er ihre Verwirrung bemerkte. „Was ist los?“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Yavus… ich… bin schwanger.“
Er blinzelte, und für einen Moment trat ein unmerkliches Zucken in seinen Augen hervor. Doch dann trat er auf sie zu und legte eine Hand auf ihren Bauch, als ob er das Kleine dort spüren konnte, obwohl es noch nicht groß war. Die Kälte, die sie von ihm so lange gespürt hatte, war verschwunden. Stattdessen war da nur ein fast besitzergreifendes Interesse. „Schwanger“, wiederholte er leise. „Das ist…“
„Was wird das für uns bedeuten?“ Lyanara fragte, ihre Stimme schwach. „Was für uns… als Familie?“
Yavus’ Blick wurde ernst, und doch spürte sie, wie sich etwas in ihm veränderte. „Es bedeutet, dass das Kind und alles, was es verbindet, unsere und vorallem deine höchste Priorität sein sollte“, sagte er, aber seine Stimme klang anders als zuvor. Sie war nachdenklicher, fast schon… warm.
Doch je mehr Lyanara in seine Augen sah, desto klarer wurde ihr, dass seine Aufmerksamkeit nicht ihr galt, sondern dem Kind, das sie in sich trug. Ihre Eingeweide zogen sich zusammen, als sie diese Wahrheit erkannte. Yavus war nicht mehr kalt zu ihr, aber nur, weil er in dem Kind etwas anderes sah. Etwas, das ihn und sein Erbe beeinflussen konnte.
Am nächsten Morgen wachte Lya früh auf. Verschlafen richtete sie sich in ihrem Bett auf und warf mit den ersten Sonnenstrahlen einen Blick in den Spiegel. Ihre Augen fokussierten sich auf ihren Bauch, und erneut spürte sie diese zehrende Leere. Dennoch wuchs etwas in ihr: ihre Mutterliebe. Sie würde Mutter werden und alles tun, um ihr Kind in ihrem Inneren zu schützen.
Entschlossen machte sie sich fertig und zog sich an. Heute wählte sie ein pinkes Kleid – die Farbe Philomenas. Unten in der Küche angekommen, bereitete sie ihr Frühstück vor: Rührei. Auch für Yavus machte sie eine Portion, damit er es sich später aufwärmen konnte, während sie an der Universität war. Während sie ein Buch über den Polarstern studierte, aß sie genüsslich ihr Rührei.
Danach spülte sie schnell ab und packte ihre Tasche mit Büchern. Mit der Tasche über der Schulter begab sie sich zur Haustür. Doch gerade, als sie die Klinke herunterdrückte, ertönte Yavus’ Stimme hinter ihr:
„Was machst du da?“ fragte er mit einer strengen Kühle, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Mit einem überraschten Blick drehte sie sich zu ihm um. „Zur Universität gehen“, sagte sie in einem selbstverständlichen Ton.
„Aber du bist schwanger“, erwiderte Yavuz.
Die beiden wechselten Blicke. In Lyanaras Augen lag pure Verwirrung, in Yavus’ ein strenger, kühler Ausdruck.
„Ja, aber ich muss trotzdem zur Uni“, entgegnete sie.
„Oh nein, das musst du nicht“, sprach er und trat einen Schritt näher auf sie zu.
Lya war zwar eine große Elfe, doch Yavuz überragte sie noch um einen Kopf. Auf eine bedrohliche Art und Weise verschränkte er die Arme vor der Brust. „Du musst mein Baby beschützen und dich auf das Muttersein vorbereiten.“
Lyanara blickte ihn geschockt an. „Wie bitte?“ fragte sie fassungslos. „Du willst, dass ich nicht mehr meinen Studien nachgehen und einfach nur Mutter werde?“
Wut baute sich in ihrer Brust auf. Sie liebte das Lernen und alles, was damit zu tun hatte. Yavus nickte knapp.
Sie schnaubte wütend, drehte sich schwungvoll um und ließ die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen.
Wut brodelte in ihr, doch sie war auch unfassbar verwirrt. Verwirrt und tief in Gedanken versunken, machte sie sich auf den Weg zur Lohandriel. Als sie das Gebäude betrat, versuchte sie, die Gedanken loszuwerden, doch dies sollte ihr den ganzen Tag nicht gelingen.
Mit einem „Ich bin zuhause, Liebling“ betrat Lyanara das Haus. Stille war die einzige Antwort. In ihrem Inneren quollen die Emotionen über. Noch nie hatte sie Yavus seit ihrer Ehe in irgendeiner Weise bedrohlich empfunden. Doch heute Morgen… Sie schüttelte den Gedanken ab und ging in die Küche.
Am Esstisch saß Yavus und schärfte sein Schwert. Sie schluckte kurz.
„Na, wie war dein Tag?“ fragte sie mit liebevoller Stimme, als hätte der Streit am Morgen nie stattgefunden.
Keine Antwort. Nur das dumpfe, gleichmäßige Schleifen des Schwertes.
„Ich werde uns etwas kochen“, sagte sie schließlich. Wieder keine Antwort. Lya biss sich auf die Lippen.
Yavus’ kalte Art verletzte sie tief. Sie wandte sich dem Kochen zu und versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Zwischendurch warf sie ihm einige Sätze und Erzählungen aus ihrem heutigen Unterricht zu, doch auch darauf reagierte er nicht.
Als das Essen fertig war, stellte sie einen Teller vor Yavus hin und setzte sich ihm gegenüber.
„Ich hoffe, es schmeckt“, sagte sie vorsichtig.
Endlich würdigte Yavus sie eines Blickes, rollte jedoch nur stumpf mit den Augen. Danach richtete sich sein Blick auf das Essen, das er ohne ein Wort begann zu essen.
Lyanara schluckte erneut. Warum war er nur so wütend? Was hatte sie falsch gemacht? Womit hatte sie das verdient? Verzweiflung machte sich breit, und sie zwang sich, ihr Essen förmlich herunterzuwürgen.
Ein lautes Klirren riss sie aus ihren Selbstzweifeln, als Yavus seinen Löffel laut auf den leeren Teller knallen ließ und ihn ihr entgegenschob.
Ohne ein Wort erhob er sich, zog seinen Mantel an und ging zur Haustür.
Lyanaras Augen verfolgten das gesamte Schauspiel, es fühlte sich so surreal an. Doch als die Tür ins Schloss fiel, rollten ihr die Tränen über die Wangen.
Die Hoffnung, dass das Kind sie wieder zusammenführen könnte, starb in ihr, und an ihre Stelle trat ein schwerer Schmerz.
Bis die Sonne unterging, saß sie regungslos am Tisch. Gefühle aus Wut, Trauer und Selbstzweifeln kämpften um die Oberhand. Doch als sie sich schließlich erhob, hatte die Trauer gesiegt.
Das dreckige Geschirr ließ sie auf dem Tisch stehen und begab sich ins Bett.
„Lyanara, komm sofort her!“ schrie eine herrische Stimme, und Lyanara schreckte aus ihrem Schlaf.
In ihrer Nachtkleidung begab sie sich eilig in die Küche und wurde von einem breitschultrigen Yavus empfangen. Mit strengem Blick starrte er auf das dreckige Geschirr.
Fassungslos stand Lyanara vor ihm. Sie musterte Yavus: Seine Augen waren unterlaufen, sein Haar zerzaust. Er triefte förmlich vor Alkohol, und der Geruch war nicht zu ignorieren. Doch noch etwas anderes lag in der Luft – ein ungewohnt süßer Duft, den sie nicht zuordnen konnte.
„Bei den Ahnen, Yavus, erschreck mich doch nicht so!“ sagte sie knapp und begann eilig, das Geschirr zusammenzuräumen, um keinen weiteren Streit zu provozieren.
Mit einem wütenden Schnauben schob sich Yavus an ihr vorbei und stapfte ins Schlafzimmer. Die schweren Schritte seiner Stiefel hallten nach, und als sie endlich die Tür ins Schloss fallen hörte, ließ Lyanara das Geschirr mit einem einzigen Schluchzen ins Waschbecken sinken.
Sie stützte sich mit beiden Händen auf die Kante des Beckens und schloss die Augen. Die emotionale Last seines Verhaltens drohte sie zu Boden zu drücken. Doch sie schüttelte den Kopf, atmete tief durch und versuchte, sich auf andere Gedanken zu bringen.
Also begann sie, das Geschirr zu spülen. Das kühle Wasser, das ihre Hände umspülte, beruhigte sie ein wenig.
Von Yavus’ Alkoholfahne ausgehend, würde er wohl bis zum Abend schlafen. Das bedeutete, dass sie ohne weitere Zwischenfälle zur Lohandriel gehen konnte – und genau das würde sie auch tun.
Kapitel 12
Die Zeit verstrich, und Lyanaras Bauch wuchs, doch genauso wuchs die Anspannung zwischen ihr und Yavus. Immer seltener war er zuhause, und wenn, dann kam er spät und stark betrunken zurück. Über ihr Studium verlor er kein weiteres Wort – ein Thema, das er stillschweigend ignorierte. Lediglich sein kaltes, stumpfes und fast herzloses Verhalten blieb unverändert. Der Schmerz in Lyanara war unerträglich. Sie fühlte förmlich, wie jeder strenge Blick, jeder abwertende Kommentar und jedes unausgesprochene Wort von Yavus ihr nach und nach das Herz zerriss. Um dem zu entkommen, stürzte sie sich in ihre Studien, verlor sich in Büchern und Lernstoff, so sehr sie konnte.
Erschöpft öffnete Lyanara die Haustür. Sie erwartete längst nicht mehr, dass Yavus zuhause war, doch trotzdem schweifte ihr Blick jedes Mal hoffnungsvoll durch das Haus. Sie ließ ihre Tasche sinken und setzte sich an den Esstisch. Ein leichter Schmerz durchfuhr ihren Bauch – ihr Baby, das sie zu treten schien. Ein zartes Lächeln huschte über ihr Gesicht, und sie fühlte die Liebe zu diesem noch ungeborenen Wesen, das in ihr heranwuchs.
Sie schlug ihre Bücher auf und begann zu lesen, ihre Gedanken in die Welt der Studien vertieft. Immer wieder spürte sie den leichten Schmerz, der sie jedes Mal schmunzeln ließ. Doch dann öffnete sich plötzlich die Tür, und Yavus trat herein. In seiner Hand hielt er eine tote weiße Gans, die er achtlos über seine Schulter geschwungen hatte. Lyanara erhob sich, um ihn zu begrüßen, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, durchfuhr ein scharfer Schmerz ihren Bauch. Ein qualvoller Schrei löste sich aus ihrer Kehle, und sie hielt sich verzweifelt den Bauch, während sie zusammenbrach.
Der Schmerz, der ihren Körper durchfuhr, fühlte sich an, als würde ihr Inneres zerrissen werden. Panisch blickte sie zu Yavus, suchte Hilfe in seinen Augen, doch sein Blick blieb leer. Kein Anflug von Panik, keine Sorge – nur diese eiskalte Gleichgültigkeit. Dann bemerkte sie, wie sein Blick nach unten glitt, zu ihren Beinen. Erst jetzt spürte sie es: Eine warme, feuchte Flüssigkeit lief zwischen ihren Beinen hinab.
Ein erschrockenes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, und sie schrie erneut – dieses Mal war es ein Schrei, der nicht nur aus ihrem Körper kam, sondern aus ihrer Seele. Sie wusste, was gerade geschah. Ihr Baby, ihr Kind, das sie nie sehen würde, aber bereits unsterblich liebte, war in ihr gestorben.
Mit langsamen, bedächtigen Schritten kam Yavus näher, die tote Gans immer noch lässig über seiner Schulter. Ihre Blicke trafen sich, und Lyanara spürte, wie ihr Herz vor Angst und Schmerz pochte. Doch in seinen Augen war keine Panik, keine Spur von Mitgefühl. Stattdessen hob er die Hand, und bevor sie reagieren konnte, schlug er ihr mit voller Wucht mit seiner flachen Hand ins Gesicht.
Der Schlag warf sie zu Boden, und ihr Blick fiel auf die Pfütze aus Blut, die sich unter ihr gebildet hatte. Tränen liefen ihr über die Wangen, während der Schmerz sie weiter zerriss. Plötzlich löste sich eine Feder von der Gans auf Yavus’ Schulter und fiel in Zeitlupe zu Boden. Sie landete in der Blutlache, und die Flüssigkeit saugte sie so schnell auf, dass sie in Sekunden tiefrot gefärbt war. Es war wie in ihrem Traum.
Mit letzter Kraft richtete Lyanara ihren Blick zu Yavus auf. „Das war dafür hast du unser Kind getötet?“sprach er mit einer Kühle, die noch nie so sehr wie davor schmerzte.Er sah sie nicht einmal mehr an. Stattdessen trat er an ihr vorbei und ließ sie allein in ihrem Schmerz und Blut zurück.
Die Minuten nach Yavus’ Verschwinden verstrichen wie Stunden. Lyanara lag auf dem kalten Boden, unfähig, sich zu bewegen. Ihr Körper war von Schmerz durchzogen, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was in ihrem Inneren tobte. Es war, als wäre ein Teil von ihr endgültig verloren gegangen – das kleine Leben, das sie getragen hatte, das sie beschützen wollte, war fort. Die Leere in ihrem Bauch spiegelte die Leere in ihrer Seele wider.
Tränen liefen unaufhaltsam über ihr Gesicht, und sie begann leise zu schluchzen. Doch selbst das Schluchzen brachte keine Erleichterung, sondern fühlte sich an, als würde es den Schmerz nur noch tiefer in ihr verankern.
Sie dachte an die Liebe, die sie für ihr Kind empfunden hatte, ein Wesen, das sie nie kennenlernen würde. Sie dachte an die Träume, die sie gehabt hatte – wie es sich anfühlen würde, es zum ersten Mal im Arm zu halten, seinen ersten Atemzug zu hören. All diese Träume waren jetzt nur noch Scherben.
Doch noch etwas anderes nagte an ihr: Yavus’ Kälte. Sein Blick, sein Schlag, seine Worte – sie waren schlimmer als jedes Messer, das sie hätte durchbohren können. „Es ist deine Schuld,“ hatte sein Blick gesagt, und diese Worte wiederholten sich wie ein Mantra in ihrem Kopf.
Sie fühlte sich gebrochen. Wie sollte sie je wieder lieben können, wenn das, was sie am meisten geliebt hatte, so grausam von ihr genommen worden war? Wie sollte sie jemals wieder Vertrauen fassen, wenn der Mann, den sie einst geliebt hatte, sie in ihrem schwächsten Moment so allein gelassen hatte?
Doch tief in der Dunkelheit regte sich ein winziger Funke. Es war der Gedanke, dass sie nicht so enden wollte. Nicht in dieser Leere, nicht in dieser Dunkelheit. Sie wusste noch nicht, wie sie sich befreien konnte, aber sie wusste, dass sie es musste.
Lyanara schloss die Augen und atmete tief durch, so tief es ihr schmerzender Körper zuließ. „Ich habe alles verloren, aber ich habe noch mich selbst,“ dachte sie. Diese Worte waren alles, was sie hatte, aber sie hielt sich daran fest, wie an einem letzten Halt.
Der Weg, der vor ihr lag, würde schwer sein. Doch in diesem Moment wusste sie eines: Sie würde kämpfen – nicht für Yavus, nicht für jemanden anderen, sondern für sich selbst und die Erinnerung an das, was sie verloren hatte.
Kapitel 13
Die Jahre verstrichen, und in ihrer Stille und Leere wuchs Lyanara zu einer Frau, die weit mehr geworden war als die Prinzessin, die Yavus einst geheiratet hatte. Doch die tiefen Narben, die die letzten Jahre in ihrer Seele hinterlassen hatten, waren nicht einfach zu überwinden. Yavus war nach wie vor nur selten zu Hause, und wenn er es war, dann war er kaum zu ertragen. Er kam spät nach Hause, immer betrunken und in einem Zustand, der ihn unberechenbarr machte. Außerdem konnte sie sich nicht erinnern, wann er zuletzt liebevoll zu ihr gewesen war, wann er sie das letzte Mal wirklich angesehen hatte.
Sein Verhalten war kalt und distanziert, als ob sie nichts mehr miteinander verband. Wenn sie versuchte, mit ihm zu sprechen, gab er nur knappe, abweisende Antworten, als ob er sie kaum noch wahrnahm. Und wenn sie ihm zu nahe kam, wenn sie versuchte, einen Funken der früheren Liebe zu wecken, war er oft brutal – nicht nur in seinen Worten, sondern auch in seinen Taten. Im schlimmsten Fall erhob er die Hand gegen sie, immer dann, wenn sie seinen Blick falsch deutete oder ihn in irgendeiner Weise enttäuschte. Die Liebe, die einst zwischen ihnen gefühlt worden war, schien mit jedem Jahr mehr und mehr zu verfallen.
Lyanara spürte die Zerrissenheit in sich – der Schmerz, den Yavus ihr bereitete, nagte an ihr, und die Erinnerung an das, was sie einmal geteilt hatten, war mittlerweile nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Doch trotz allem versuchte sie, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie wusste, dass sie mehr war als nur die Frau an seiner Seite. Sie war stolz auf das, was sie erreicht hatte, auf das Wissen, das sie sich erarbeitet hatte, auf den Abschluss, den sie nun bald machen würde.
Der Tag ihres Abschlusses war gekommen – der Moment, auf den sie so lange hingearbeitet hatte. Lyanara wollte diesen Tag für sich selbst genießen, wollte ihn feiern, als ein Symbol ihrer Stärke. Es war der Tag, an dem sie sich selbst beweisen wollte, dass sie in der Lage war, ihr Leben unabhängig von Yavus und seiner Kälte zu leben.
Doch auch dieser Tag war nicht ohne Schmerz. Sie hatte gehofft, dass Yavus ihr vielleicht einmal ein ehrliches Kompliment machen würde, dass er sich zumindest für den Moment aufrichtig für sie interessieren würde. Aber als sie ihm von ihrem Abschluss erzählte, kam nur ein beiläufiges „Ich habe Wichtigeres zu tun“. Und so begab sie sich alleine zur Zeremonie, ließ sich nicht entmutigen und stellte sich ihrer Zukunft.
Tausende Wesen aus ganz Eldoria hatten sich vor der Lohandirel und ihrer riesigen Treppe versammelt die Studenten versammelten sich oben. Kursweise treten die verschiedenst professoren hervor und halten eine rede welche mit hilfe von magie über den ganzen platz hallt. Dann, zu aller letzt, ertönt die Stimme ihreslieblings professor, Professor Arwínd der Naturwissenschaft, er war nie sonderlich freundlich,a ber seien art zulerne, fasszinierte lyanara deshalb schweifte, ihre aufmerksamkeit auf seine worte:
„Meine geschätzten Schüler,
die Naturwissenschaften sind der Schlüssel zum Verständnis unserer Welt. Sie sind nicht nur ein Werkzeug, um das Universum zu entschlüsseln, sondern auch ein Spiegel unserer eigenen Fähigkeiten. Ihr steht am Beginn einer Reise, einer Reise, die euch nicht nur in die Tiefen des Wissens führt, sondern euch auch lehrt, mit einem klaren und kritischen Blick auf das Leben zu blicken.
Ihr werdet oft auf Hindernisse stoßen, auf Theorien, die euch herausfordern, auf Experimente, die scheitern, und auf Gedanken, die nicht so leicht fassbar sind. Doch seid gewiss: Dies ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Erkenntnis.
Wisst, dass wahre Größe nicht im bloßen Wissen liegt, sondern in der Fähigkeit, dieses Wissen zu nutzen und weiterzugeben. Ihr seid diejenigen, die die Welt von morgen gestalten werden. Durch eure Entdeckungen, durch euren Mut, das Unbekannte zu erforschen, werdet ihr nicht nur die Natur verstehen, sondern auch die Menschen um euch herum inspirieren.
Lasst euch nicht von Zweifeln oder Rückschlägen entmutigen! Die Wissenschaft ist nicht für diejenigen, die sich mit dem Bekannten zufrieden geben – sie ist für die Mutigen, die Wissbegierigen, die, die den Stempel des Wissens auf der Welt hinterlassen wollen. Geht mit Ehrgeiz und Weisheit voran – der Weg ist lang, aber er ist von unschätzbarem Wert.
Vertraut auf euch, auf euer Wissen und vor allem: auf eure unermessliche Fähigkeit, die Welt zu verändern. Der Wissensdurst in euch ist die Flamme, die die Dunkelheit erleuchten kann. Lasst euch niemals von der Schwere des Wissens beirren – erhebt euch und strebt nach dem Unmöglichen!“
Die Worte lasteten schwer auf Lyanaraas Brust, als Professor Arwínd mit feierlicher Stimme rief: „Hiermit haben alle auf dieser Treppe versammelten Schüler erfolgreich ihr Studium abgeschlossen!“ Ein magisches Feuerwerk erleuchtete den Himmel, und ein jubelnder Aufschrei ging durch die Menge. Unter den nun nicht mehr studierenden fand Lyanara Velatha, die sich umdrehte und mit einem Blick das Ganze musterte. Auf ihrem sonst so ernsten Gesicht spielte ein kleines Lächeln, und ein aufgeregtes Funkeln blitzte in ihren grauen Augen. Für einen Moment ließ sie sich von der Freude mitreißen, lachte und strahlte. Endlich, nach so vielen Jahren, war sie für einen so kurzen Augenblick befreit von ihre Last der Traurigkeit. Sie hatte es wirklich geschaft, erfolgreich all ihre Kurse zu absolvieren: Literatur, Astrologie, Magieverteidigung, Heilung, Alchemie, Geologie und Naturwissenschaften.
Für Lyanara bedeutete dieser Moment alles. Es war der endgültige Beweis, dass sie mehr war als nur die Frau an Yavus’ Seite – dass sie aus eigener Kraft etwas erreicht hatte. Ihr Erfolg war nicht nur ein Abschluss, sondern ein Triumph über all die Zweifel und Schmerzen der vergangenen Jahre. Er zeigte ihr, dass sie einen eigenen Wert besaß, unabhängig von anderen, und dass sie die Kraft hatte, ihr Schicksal selbst zu gestalten.
Kapitel 14
Lyanara stand vor der großen Doppeltür des Palastes von Averlyn. Ihr Herz schlug etwas schneller als gewöhnlich, und obwohl sie sich so gut es ging vorbereitet hatte, konnte sie die Nervosität nicht ganz unterdrücken. Mit einem prüfenden Blick glättete sie ihr Gewand und atmete tief durch. Alles musste perfekt sein – heute war ein bedeutender Tag.
Neben ihr saß Elveá, ihre treue Begleiterin, mit halb geschlossenen Augen. Die große Raubkatze strahlte eine Ruhe aus, die Lyanara ein wenig beruhigte. Sie hob eine Hand und strich sanft durch das dichte, seidige Fell des Tieres, bevor sie sich wieder auf die Tür konzentrierte. „Nun gut…“ murmelte sie leise zu sich selbst, dann drückte sie die Tür auf.
Der Saal, den sie betrat, war beeindruckend. Hohe lilafarbene Fenster warfen ein sanftes Licht in den Raum und tauchten alles in einen fast magischen Schein. Von hier oben konnte man ganz Averlyn überblicken – die geschwungenen Brücken, die kunstvollen Dächer, die funkelnden Wasserspiele in den Gärten. Doch ihr Blick blieb nicht lange dort.
In der Mitte des Raumes standen bereits sieben Elfen. Edel gekleidet, würdevoll – ihre Blicke wanderten synchron zu ihr, als sie eintrat. Sie spürte, wie sie gemustert wurde, geprüft, doch es war nicht feindselig, eher abwartend.
Unter ihnen erkannte sie ein vertrautes Gesicht – ihre Tante Yanellie. Ihr helles Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern, die eisblauen Augen wirkten, wie immer, durchdringend, aber nicht unfreundlich. Lyanara wusste, dass sie ihre Tante sehr an ihre Mutter erinnerte, fast, als würde sie selbst in die Vergangenheit blicken.
„Ah, werte Lyanara, tritt ein,“ sagte Yanellie mit ruhiger Stimme, und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.
Lyanara atmete noch einmal durch und ging mit erhobenem Kopf voran. Sie hatte keine Zeit für Unsicherheiten.
Heute war ihr erster Tag im Rat.
Als älteste Tochter ihrer Familie nahm sie nun offiziell den Platz ihrer Mutter ein. Zusammen mit ihrer Tante und den Nachkommen der Familien Vaelith und Eryndor würde sie die königliche Blutlinie im Rat repräsentieren. Die anderen vier Ratsmitglieder waren Vertreter des Volkes – einer für das Militär, den Handel, die Kunst und die Bauernschaft. Sie alle würden nun über das Schicksal Averlyns entscheiden.
Yanellie wies ihr mit einer eleganten Bewegung einen Platz zu, den sie mit stiller Ehrfurcht einnahm. Sobald sie saß, richtete ihre Tante erneut das Wort an sie – diesmal mit mehr Bedeutung in der Stimme.
„Lyanaraenolá Mhyreya,“ begann sie, und ihre Worte hallten sanft durch den großen Saal. „Mit diesem Tag trittst du nicht nur in den Rat von Averlyn ein, sondern übernimmst auch eine Aufgabe, die für unser Volk von höchster Bedeutung ist.“
Lyanara hob leicht das Kinn und lauschte aufmerksam.
„Die Nyáre, die Heiligen Schriften der Seelelfen, sind seit Generationen unter unserer Obhut. In ihnen ruht das Wissen unserer Ahnen, die Weisheit der Sterne und die Grundpfeiler unserer Gesetze.“
Lyanaras Hände ruhten ruhig auf ihrem Schoß, doch innerlich spürte sie, wie sich ihre Brust eng zusammenzog. Sie wusste, was das bedeutete. Die Hüterin der Nyáre zu sein, war nicht einfach nur eine Aufgabe – es war eine der höchsten Ehren, die einem Ratmitglied zuteilwerden konnte.
Yanellies Blick blieb fest auf ihr gerichtet. „Von nun an liegt es an dir, diese Schriften zu bewahren, zu deuten und darüber zu wachen, dass ihr Wort niemals verfälscht wird.“
Einen Moment lang schien es, als würde die Zeit stillstehen.
Lyanara ließ die Bedeutung dieser Worte auf sich wirken, bevor sie sich leicht vorbeugte und mit fester Stimme sprach:
„Ich nehme diese Pflicht mit Demut und Ehrfurcht an.“
Ein zufriedenes Lächeln erschien auf Yanellies Lippen. „Dann sei von heute an die Hüterin der Nyáre. Möge ihr Licht dich leiten.“
Ein tiefer Atemzug entwich Lyanaras Lippen. Sie wusste, dass dies erst der Anfang war. Doch in diesem Moment, umgeben von den uralten Fenstern, mit dem Wissen, dass die ganze Stadt unter ihr lag, fühlte sie es deutlich – dies war ihr Schicksal.
Der Rest der Ratssitzung waren kleine Diplomatische besprechungen, welchen Lyanara aufmerksam lauschte.
Kapitel 15
Lyanara trat voller Freude in ihr Zuhause, ihre Gedanken noch immer bei den Ereignissen der heutigen Ratssitzung. Ihr Herz schlug vor Aufregung schneller, sie wollte es kaum erwarten, Yavus davon zu erzählen – davon, wie sie nun offiziell die Hüterin der Nyáre war, wie die Worte ihrer Tante ihr Schicksal besiegelt hatten.
Doch kaum hatte sie die Tür geöffnet, schlug ihr ein schwerer, scharfer Geruch entgegen. Alkohol. Stark und durchdringend. Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie die Luft einsog. Ihr Zuhause roch sonst niemals so.
„Yavus?“ rief sie in den Raum, während sie die Tür hinter sich schloss.
Keine Antwort.
Ein leises Unbehagen regte sich in ihr, doch sie schüttelte es ab. Vielleicht war er einfach müde, vielleicht schlief er bereits. Sie hatte ohnehin nicht erwartet, dass er ihr mit leuchtenden Augen entgegenkommen würde, er zeigte seid Jahren keine wirkliche Interesse mehr an ihr. Und dennoch hatte sie gehofft. Gehofft, dass er wenigstens fragte, dass er wenigstens so tat, als wäre es ihm wichtig.
Sie seufzte leise und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Vielleicht würde ein wenig Wasser helfen, um die Anspannung des Tages abzustreifen. Mit ruhigen Schritten ging sie durch die Räume, vorbei an umgestoßenen Kelchen und achtlos auf den Boden geworfenen Kleidungsstücken. Der Alkoholgeruch wurde stärker.
Dann öffnete sie die Tür zum Schlafgemach.
Für einen Moment schien die Welt stillzustehen.
Das Licht des Mondes fiel durch das halb geöffnete Fenster und tauchte das Zimmer in einen kühlen, silbernen Schein. Dort, auf ihrem Bett, lag Yavus – und über ihm, mit ihrem Körper an ihn geschmiegt, eine fremde Elfe. Ihre Lippen trafen sich in einem verlangsamten, berauschten Kuss, ihre Finger gruben sich in sein Haar.
Lyanara spürte, wie ihr Körper erstarrte. Der Anblick vor ihr war wie ein Dolch, der in eine Wunde gestoßen wurde, die schon lange offen lag. Doch war es wirklich Schmerz, den sie fühlte? Oder war es einfach nur die letzte Bestätigung für etwas, das sie längst wusste?
Yavus und sie… ihre Beziehung war schon lange nicht mehr das, was sie einst gewesen war. Die Gespräche, die sie früher geführt hatten, waren verstummt. Die Nähe, die sie geteilt hatten, war zu einer fernen Erinnerung geworde. Ihre Ehe war ein einziges Spiel aus Hass und Gewalt. Und das schlimmste daran war, das sie nie wirklich verstand, wieso er ihr dies antat.
Die Zeichen waren da gewesen – sie hatte sie gesehen. Die abwesenden Blicke, das ausweichende Verhalten, die Art, wie er sich immer mehr dem Wein und der Zerstreuung zuwandte, während sie versuchte, etwas Bedeutendes aufzubauen. Während sie versuchte, an dem festzuhalten, was längst dabei war, ihr durch die Finger zu rinnen.
Und nun war es endgültig.
Die fremde Elfe warf einen erschrockenen Blick in ihre Richtung, als sie die Tür öffnete. Yavus, noch benommen vom Alkohol, brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie dort stand. Seine Augen – jene Augen, die einst voller Liebe auf sie geblickt hatten – waren nun leer, kalt, fast gleichgültig.
Lyanara sagte nichts.
Kein Schrei, keine Wut, kein Flehen.
Nur Stille.
Sie drehte sich um und ging mit langsamen Schritten in die Küche.
Lyanara schnitt das Gemüse mit ruhigen, kontrollierten Bewegungen. Der Klang des Messers auf dem Holzbrett hallte durch die Küche, regelmäßig, fast mechanisch. Sie konzentrierte sich auf jeden Handgriff, ließ sich keine Regung anmerken. In ihrem Inneren war nichts – keine Wut, kein Schmerz, keine Trauer. Nur eine gähnende, kalte Leere.
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die fremde Elfe vorsichtig aus der Tür huschte. Lyanara ignorierte sie. Es war ihr egal.
Wenig später schlurfte Yavus in die Küche. Der schwere Geruch von Alkohol hing noch immer an ihm. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, ohne ein Wort zu sagen, ließ er sich auf den Stuhl fallen und begann zu essen. Als wäre nichts geschehen.
Als wäre es ein Abend wie jeder andere.
Lyanara beobachtete ihn eine Weile. Die Art, wie er kaute, langsam, stumpf, ohne nachzudenken. Wie er sich den Kelch griff, als wäre es eine einstudierte Bewegung, um seinen Rausch aufrechtzuerhalten.
Und dann – riss etwas in ihr.
Jahrelang hatte sie geschwiegen. Jahrelang hatte sie seine Gleichgültigkeit ertragen. Die herabsetzenden Worte, die abweisenden Blicke, das Übergehen ihrer Gefühle, die Gewalt. Die Nächte, in denen sie alleine wach lag, während er sich in Tavernen betrank. Die Momente, in denen er sie behandelt hatte, als wäre sie nichts weiter als eine Nebensächlichkeit in seinem Leben.
Doch das hier war der letzte Tropfen.
Lyanara sagte nichts mehr. Kein weiteres Wort, keine Erklärung.
Stattdessen nahm sie die dampfende Schüssel mit dem Abendessen – jenem Essen, das sie mit tauben Händen zubereitet hatte – und schleuderte es ihm ohne Zögern ins Gesicht.
Der Aufprall war dumpf, das heiße Essen spritzte über seinen Hals und seine Kleidung. Für einen Moment war nur Stille. Dann ein leises, angespannter Atemzug.
Yavus erstarrte. Langsam, ganz langsam wischte er sich mit einer zitternden Hand über das Gesicht. Dann erhob er sich.
Lyanara wusste, was als Nächstes kam.
Seine Hand packte sie grob am Haaransatz, riss ihren Kopf nach hinten. Noch bevor sie reagieren konnte, spürte sie, wie er sie mit brutaler Kraft gegen die Wand schleuderte. Ihr Rücken krachte gegen den harten Stein, Luft entwich aus ihrer Lunge, während sich ein stechender Schmerz durch ihren Körper zog.
Sie sah ihn an.
Er stand über ihr, seine Brust hob und senkte sich schwer, seine Hände zu Fäusten geballt. Für einen Moment dachte sie, er würde noch etwas sagen. Irgendeine letzte Demütigung, irgendein schneidendes Wort.
Doch er sagte nichts.
Ohne ein weiteres Geräusch drehte er sich um, griff nach seinem Mantel – und verschwand.
Die Tür fiel ins Schloss.
Lyanara blieb einen Moment lang reglos liegen. Der Schmerz in ihrem Rücken pulsierte dumpf, eine warme Feuchtigkeit rann ihre Schläfe hinab – Blut. Ihre Finger zitterten, als sie sich vorsichtig an der Wand aufrichtete.
Aber sie weinte nicht.
Nicht dieses Mal.
Sie schwor sich keine weitere Träne für dieses Monster zu verlieren.
Mit ruhigen Bewegungen hob sie eine Hand und ließ die sanfte, lila schimmernde Energie ihrer Heilmagie über sich gleiten. Die oberflächlichen Wunden schlossen sich, der Schmerz ließ nach. Nur die Müdigkeit blieb.
Sie richtete sich auf, atmete tief durch – dann ging sie ins Bett.
Und als sie die Decke über sich zog, fühlte sie nichts.
Gar nichts.
Kapitel 16
Lyanara erwachte mit einem Ruck.
Ihr Körper fühlte sich schwer an, ihr Kopf dröhnte, doch das Erste, was sie bewusst wahrnahm, war die Übelkeit. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, und ohne nachzudenken, ohne sich zu sammeln, stolperte sie aus dem Bett und schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich überzugeben.
Ihre Hände klammerten sich an die kühle Keramik der Schüssel, ihr Atem ging schnell, flach. Panik übermannte sie.
Nein.
Nicht jetzt.
Nicht wieder.
Sie presste eine zitternde Hand gegen ihren Bauch, als könnte sie damit die Realität fortdrücken. Sie wollte es nicht wissen, wollte es nicht fühlen. Doch tief in ihrem Inneren spürte sie es bereits. Sie kannte dieses Gefühl. Die bleierne Müdigkeit, die plötzlichen Wellen der Übelkeit, das unkontrollierte Zittern ihrer Hände.
Sie war schwanger.
Lyanara ließ sich schwer gegen die Wand sinken. Ihr Atem wurde langsamer, kontrollierter, während sie versuchte, die Panik hinunterzuschlucken. Sie durfte das nicht zulassen. Nicht jetzt, wo sie es endlich geschafft hatte, sich gegen yavuz zuwehren. Sie durfte ihm nichts sagen.
Er würde es nicht wissen.
Und so begann ihr verzweifeltes Spiel.
Lyanara kaschierte es mit allem, was ihr zur Verfügung stand – weite Gewänder, Heilmagie, Ausreden. Sie aß wenig in der Öffentlichkeit, mied auffällige Bewegungen, hielt sich zurück. Niemand durfte es bemerken. Nicht Yavus. Nicht der Rat. Nicht einmal ihre eigene Familie.
Und dann, Monate später, in einer Nacht, die von Gewitterstürmen durchzogen war, brach alles zusammen.
Die Geburt begann zu früh. Die Schmerzen waren unbändig, überwältigend, zerrissen ihren Körper mit einer Intensität, die sie kaum ertragen konnte. Blut. Überall Blut. Ihre eigenen Schreie hallten in ihren Ohren, während Heiler sich um sie scharten, doch es war, als wäre sie nicht mehr ganz hier.
Sie war an der Grenze zwischen Leben und Tod.
Doch dann – zwei Laute.
Nicht Schreie, nicht Schmerz, sondern das erste, schwache Wimmern zweier Neugeborener.
Zwillinge.
Zwei kleine Wesen, die sie mit dem letzten Funken Kraft, der in ihr verblieben war, ansah.
In diesem Moment, als die beiden winzigen Körperchen in ihre Arme gelegt wurden, spürte Lyanara das erste Mal seit Jahren wieder etwas. Etwas, das sie beinahe vergessen hatte: eine Wärme, die tief in ihr aufblühte, wie ein längst erstickter Funke, der nun wieder loderte. Ihre Augen, die zuvor nur leer und leerer geworden waren, füllten sich mit einem Glanz, den sie so lange vermisst hatte.
Diese Kinder – ihre Kinder.
Doch der Moment währte nur kurz.
Denn Yavus kam.
Er stand da, sein Blick auf die Kinder gerichtet, seine Miene ausdruckslos. Und dann sagte er es – jene Worte, die sie trotz allem noch trafen.
„Ich will sie nicht.“
Kalte Ablehnung.
Es waren nicht seine ersten Kinder. Und das erste, welches lyanara vor der Geburt verloren hat, hat sie in seinen Augen getötet.
Die Erinnerung daran war ein Schatten in ihrem Geist, einer, den sie niemals hatte loswerden können. Doch dieses Mal… dieses Mal würde sie mit aller Macht auf diese Wesen ihn ihren Armen aufpassen.
Kapitel 17
Die Jahre verstrichen, und aus den winzigen Neugeborenen wurden Kleinkinder mit eigenen Persönlichkeiten. Hyspheria, mit ihren braunen Haaren und den tiefen, nachdenklichen Augen, war ein ruhiges, in sich gekehrtes Kind. Sie liebte es, Bücher zu durchstöbern, sich in Geschichten zu verlieren und stundenlang still in einer Ecke zu sitzen, während sie Lyanaras alte Schriftrollen durchblätterte. Arjuna hingegen war das pure Gegenteil. Ihre blonden Haare schimmerten in der Sonne, während sie wie ein unbändiges Energiebündel durch die Gänge rannte, lachte und jeden, der ihr begegnete, mit ihrem Charme für sich gewann. Sie war ungestüm, laut, lebendig – und so voller Licht, dass es manchmal selbst Lyanara überwältigte.
Yavus hingegen war kaum noch anwesend. Sein Platz am großen Esstisch blieb oft leer, sein Schatten streifte nur noch selten durch die Korridore des Hauses. Wenn er da war, schenkte er weder Lyanara noch den Kindern Aufmerksamkeit. Er war eine ferne, bedrohliche Präsenz, ein Geist, der durch ihr Leben zog, ohne je wirklich Teil davon zu sein.
Lyanara wusste, dass es besser so war. Die wenigen Male, in denen Yavus doch da war, spürte sie die Anspannung in der Luft, die Angst, die Hyspheria dazu brachte, sich noch tiefer in ihre Bücher zurückzuziehen, und die Wut, die in Arjuna aufflammte, wenn sie sah, wie ihr Vater sie ignorierte.
Aber Lyanara war da. Sie liebte ihre Kinder mit jeder Faser ihres Seins, und sie würde dafür sorgen, dass sie trotz allem glücklich aufwuchsen.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass der Frieden nicht ewig währen würde.
Als die Zwillinge sechs Jahre alt wurden, begann Lyanara, sie in den ersten Lehren zu unterrichten. Schreiben, Lesen, Magie und Naturwissenschaften – all das, was sie selbst einst gelernt hatte. Hyspheria zeigte sich wissbegierig und geduldig. Sie saß oft stundenlang über den Schriftrollen, wiederholte die Zeichen und Formeln mit ernster Miene und einer Faszination, die Lyanara nur zu gut verstand. Ihr Talent für Magie schien bereits in ihr zu glimmen, ruhig und kontrolliert, eine stille Kraft, die sie erst noch zu entdecken lernte.
Arjuna hingegen hatte anfangs wenig Geduld für die stillen Lektionen. Sie zappelte, stellte unzählige Fragen und wollte alles sofort ausprobieren.
Besonders das Kämpfen faszinierte sie, und mehr als einmal musste Lyanara eingreifen, um zu verhindern, dass ihre Tochter durch unbedachte Draufgängige Aktionen das halbe Studierzimmer in Chaos verwandelte.
Doch wenn es um die Natur ging, war Arjuna sowie Hyspheria Feuer und Flamme. Sie rannten über die Wiesen, sammelte Kräuter und Blüten, stellten wilde Fragen über die Welt und alles, was darin lebte.
„Mama, warum leuchten die Sterne?“ „Warum tanzen die Blätter im Wind?“ „Können Bäume fühlen?“
Lyanara lachte oft über Arjunas unermüdlichen Wissensdurst, während Hyspheria ihr still lauschte und sich jedes Wort genau einprägte. Die beiden waren unterschiedlich wie Tag und Nacht, doch sie ergänzten sich, wuchsen gemeinsam aneinander und fanden in Lyanaras Lehren eine neue Welt voller Wissen und Möglichkeiten.
Eines späten Abends traf ein Bote im Hause Mhyreyas ein, er berichtete von der Geburt eines Kindes, von Lyanaras Mutter, sie hatte auf wundersamerweise noch ein Kind geboren.
Lyanaras Herz raste, während sie durch die dunklen Straßen eilte. Der Bote hatte ihr kaum Zeit gelassen, die Nachricht zu verarbeiten – ein Kind? Ihre Mutter, schon längst in den späteren Jahren ihres Lebens, hatte ein weiteres Kind geboren? Es war ein Wunder, ein Mysterium, und zugleich erfüllte es sie mit Unruhe.
Die Nachtluft war kühl, der Wind trug den Duft von Regen und Blüten durch die engen Gassen, als sie sich dem Palast näherte. Die schweren Tore standen offen, als hätten sie nur auf ihre Ankunft gewartet. Diener eilten umher, Kerzen brannten in den Fenstern, doch die Stille, die über dem Anwesen lag, war fast greifbar.
Sie betrat die Gemächer ihrer Mutter, ein vertrauter Zitrusduft stößt ihr entgegen und fand sie erschöpft, aber lächelnd in einem von Kissen umrahmten Bett. In ihren Armen lag ein winziges Bündel, kaum mehr als ein Hauch Leben, mit feinen, weißen Locken und einer Haut so blass wie Mondlicht.
„Lyanara… du bist gekommen.“ Die Stimme ihrer Mutter war leise, doch voller Wärme. „Darf ich dir deine Schwester vorstellen?“
Lyanara trat näher und betrachtete das schlafende Kind. Es war wunderschön, zerbrechlich und doch… sie spürte es. Etwas Altes, Mächtiges schlummerte in diesem kleinen Körper, etwas, das sie nicht benennen konnte.
„Wie heißt sie?“, fragte Lyanara leise.
„Maylala Averlúh“, antwortete ihre Mutter mit einem müden Lächeln. „Die Hoffnung, die über Averlyn wacht.“
Ein Zittern lief durch Lyanaras Körper und sie warf einen Blick nach draußen und da sah sie es, das Sternenbild der Katze, jenes, welches auch bei ihrer Geburt über ihr wachte und bei ihren zwei anderen Schwestern. Etwas in ihr sagte, dass dieses Kind nicht einfach nur ein spätes Geschenk des Schicksals war – es war eine Veränderung, ein neuer Knoten in dem unsichtbaren Netz, das ihr aller Leben verband.
„Wie geht es dir, Mutter?“
„Ich bin müde, mein Kind. Aber es geht mir gut. Maylala ist stark… ich kann es fühlen.“
Lyanara nickte langsam und streichelte die winzige Hand ihrer Schwester, dann fiel ihr Blick auf die Augen der Kleinen und sie starrte sie an, eins Smaragd Grün und das andere Bernsteinfarben und fast identisch zu ihren.
“Ein Zeichen der Götter. Ich spüre das eure Schicksale innig mit einander verwoben sind.” flüsterte ihre Mutter.
Ein neuer Funke war in der Welt entzündet worden, ein neues Licht, welches Lyanara wie ihr eigen hüten und schützen würde.
Kapitel 18
Lyanara kümmerte sich oft um ihre kleine Schwester, während die Zeit unaufhaltsam voranschritt. Ein weiteres Jahr verging, und Selene wuchs zu einem lebhaften Kind heran, das mit ihren großen, neugierigen Augen die Welt erkundete.
Eines Abends saß Lyanara vor den Nyáren, den heiligen Schriften der Seelelfen, und dachte nach. Die uralten Bücher lagen vor ihr, ihre Seiten voller Weisheit und Magie, die über Generationen hinweg bewahrt worden waren. Sie wusste, dass ihre Reise bald beginnen würde – in einer Woche würden sie das Meer überqueren, um auf einem fernen Kontinent einen Friedensvertrag mit dem dort ansässigen Volk zu festigen.
Doch ein Gedanke nagte an ihr: War es wirklich klug, diese wertvollen Bücher auf die Reise mitzunehmen? Die See war unberechenbar, Stürme konnten die Schiffe erfassen, und Feinde lauerten vielleicht in den Schatten. Sie konnte es nicht riskieren, dass die Nyáren verloren gingen.
Nach langem Überlegen traf sie eine Entscheidung. Sie würde sie verstecken – an einem Ort, den niemand außer ihr kannte. Lyanara erhob sich und blickte aus dem Fenster in die stille Nacht hinaus. Der Mond stand hoch am Himmel und tauchte die Welt in silbernes Licht. Mit vorsichtigen Bewegungen sammelte sie die Schriften ein, und verstaute sie in einer robuste hölzernen Truhe. Dann machte sie sich auf den Weg, hinaus in die Nacht.
Lyanara bewegte sich lautlos durch die kühle Nacht, ihr Mantel flatterte leicht im Wind. Der älteste Lúthion Baum am Rande des Waldes war ihr Ziel – ein heiliger Ort, dessen Wurzeln tief in die Erde reichten und dessen Blüten selbst in der Dunkelheit lila schimmerten.
Sie kniete sich vor den gewaltigen Stamm und legte sanft eine Hand auf die raue Rinde. Flüsternde Worte in der alten Sprache der Seelelfen verließen ihre Lippen, und der Boden begann leise zu vibrieren. Ein sanftes Leuchten breitete sich aus, als die Wurzeln sich langsam teilten und eine Vertiefung im Erdreich freilegten.
Vorsichtig stellte Lyanara die Truhe in das verborgene Erdreich. Noch einmal strich sie mit ihren Fingern über den Deckel, als wolle sie sich von den Nyáren verabschieden. Dann murmelte sie einen letzten Zauber. Die Wurzeln des Baumes begannen sich wieder zu bewegen, umschlangen die Truhe behutsam wie schützende Arme und versiegelten sie in der Erde.
Ein grüner Schimmern breitete sich für einen Moment über den Wurzeln aus, dann kehrte die Stille zurück. Niemand, der nicht das Blut der Seelelfen in sich trug, würde die Nyáren jemals finden.
Lyanara richtete sich auf und atmete tief durch. Der Wind trug den Duft der Blüten zu ihr, während der Mond seinen sanften Schein über die Lichtung warf. Ihre Aufgabe war erfüllt – nun konnte die Reise beginnen.
Kapitel 19
Lyanara stand am Bug des Schiffes, den Blick auf die raue See gerichtet. Der Wind fuhr durch ihre langen braunen Haare, spielte mit einzelnen Strähnen, während die Wellen gegen den Rumpf des Schiffes schlugen. Neben ihr lehnten ihre Schwestern Runá und Káya an der Reling, die Blicke ebenso in die Ferne gerichtet.
„Das Meer wirkt heute unruhig,“ murmelte Runá und zog ihren Umhang enger um sich.
„Vielleicht kündigt sich ein Sturm an,“ meinte Káya nachdenklich. Sie ließ die Finger über das glatte Holz der Reling gleiten und lauschte dem Knarren des Schiffes.
Lyanara lächelte leicht. „Oder es ist einfach die Art des Meeres zu zeigen, dass es lebt.“
Ein Moment der Stille folgte, nur das Rauschen der Wellen und das Knarren der Segel erfüllten die Luft. Dann verdrehte Runá gespielt die Augen. „Ich hoffe nur, dass wir heute Abend nicht wieder Onkel Faelors Geschichten lauschen müssen. Letztes Mal hat er uns eine halbe Ewigkeit von einem Fisch erzählt.“
Káya lachte leise. „Und am Ende stellte sich heraus, dass er ihn nicht mal selbst gefangen hat.“
Lyanara schüttelte amüsiert den Kopf. „Ihr seid so streng mit ihm. Vielleicht steckt ja doch ein Körnchen Wahrheit in seinen Erzählungen.“
„Vielleicht,“ gab Runá zu, „aber heute Abend hoffe ich einfach auf ein ruhiges Essen – ohne endlose Fischgeschichten.“
Die drei lachten leise, während das Schiff weiter durch die aufgewühlte See glitt, der Wind um ihre spitzen Ohren wehte und die salzige Luft ihre Sinne erfüllte.
Die Dämmerung tauchte das Deck in ein warmes, goldenes Licht, während die Feierlichkeiten ihren Höhepunkt erreichten. Die lauten Gesänge der Elfen mischten sich mit dem Tosen der Wellen, und die Musik, gespielt auf Flöten und Trommeln, ließ die Luft vibrieren.
Lyanara wirbelte über das Deck, ihr Lachen mischte sich mit der Musik und dem rhythmischen Stampfen der tanzenden Füße. Die Stimmung an Bord war ausgelassen, die Elfen sangen, tranken und bewegten sich im Takt der Fiedelklänge. Sie spürte die salzige Brise auf ihrer Haut, das leichte Schwanken des Schiffes unter ihren Füßen – und vor allem die pure Freude des Moments.
Sie drehte sich mit einem jungen Krieger im Kreis, dann mit einem anderen, ihre Bewegungen elegant und voller Energie, aber nie ungebührlich. Es war lange her, dass sie sich so frei gefühlt hatte.
Doch plötzlich – wie ein eisiger Windstoß inmitten der Wärme – spürte sie zwei starke Hände, die sich um ihre Taille legten. Fester, als es angenehm war. Schmerzhaft.
Ein Schauder lief ihr über den Rücken, als sie die dunkle, raue Stimme an ihrem Ohr hörte: „Kommst du mal bitte mit.“
Yavus.
Seine Finger gruben sich in ihre Taille, sein Griff ließ keinen Raum für Widerstand. Lyanara stockte kurz der Atem, doch noch bevor sie etwas erwidern konnte, zog er sie entschlossen vom tanzenden Trubel weg. Die Musik, das Lachen – all das verblasste, als er sie über das Deck führte.
Vereinzelt warfen andere Elfen ihnen Blicke zu, doch keiner schien sich einzumischen. Yavus war nicht irgendwer.
Sie erreichten ihre Kajüte. Mit einem Ruck öffnete er die Tür, schob sie hinein und schloss hinter sich.
Die Kerze auf dem kleinen Holztisch flackerte, während Lyanara sich umdrehte und ihm mit funkelnden Augen entgegenblickte. Ihr Atem ging schneller, doch sie verbarg ihre Nervosität hinter einer hochgezogenen Braue.
„Was soll das, Yavus?“ Ihre Stimme klang fest, auch wenn ihr Herz wütend gegen ihre Rippen schlug.
Er trat näher, seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. „Was glaubst du, was du da draußen tust?“ Seine Stimme war ruhig, doch darin lauerte eine gefährliche Schärfe.
Lyanara verschränkte die Arme. „Ich habe getanzt.“
„Mit jedem, der sich anbot,“ knurrte er und seine Kiefermuskeln spannten sich an.
Sie schnaubte. „Und seit wann ist das ein Verbrechen?“
Yavus’ Blick wurde noch dunkler, und für einen Moment herrschte Stille, in der nur das entfernte Rauschen der Wellen gegen den Rumpf zu hören war.
Sein Gesicht war nur noch eine Fratze aus Wut, seine blauen Augen glühten vor Zorn. „Wer glaubst du, wer du bist, Miststück? Tanzt heiter mit anderen Männern, als wärst du irgendein Flittchen!“
Bevor Lyanara reagieren konnte, spürte sie plötzlich einen scharfen Schmerz auf ihrer Wange. Er hatte ihr ins Gesicht geschlagen. Die Wucht ließ sie einen Schritt zurücktaumeln, ein brennendes Pochen durchzog ihre Haut. Noch bevor sie sich fassen konnte, spürte sie, wie seine Finger sich brutal in ihr Haar gruben und daran rissen.
„Habe ich dich Weib wirklich so schlecht erzogen?“ zischte er.
Panik stieg in ihr auf. Ihre Atmung wurde flach, ihr Herz raste. Der vertraute, lähmende Schrecken versuchte, sich ihrer zu bemächtigen – doch diesmal war es anders. Diesmal kochte eine andere Emotion in ihr hoch.
Wut.
Sie sah ihn an, ihre braunen Augen funkelten vor Zorn. Die Angst wollte sie in den Boden drücken, doch die Wut gab ihr Kraft. Ihr Körper spannte sich an, und mit all ihrer verbliebenen Kraft stieß sie ihn von sich.
Mit voller Wucht rammte sie beide Hände gegen seine Brust.
Überrascht stolperte Yavus zurück, riss dabei fast den Stuhl neben sich um. Für einen Moment sah sie seine Überraschung – und es war dieser Moment, in dem sie wusste, dass sie nicht mehr nur das verängstigte Mädchen war, das er glaubte zu kontrollieren.
„Fass mich nie wieder an!“ fauchte sie mit bebender Stimme.
Ihre Fäuste waren geballt, ihr Körper bereit, sich erneut zu wehren. Das Adrenalin rauschte durch ihre Adern, ihre Atmung war schwer.
Yavus fing sich schnell. Sein Blick wurde noch dunkler, seine Muskeln spannten sich an. Die Luft zwischen ihnen knisterte vor Anspannung.
Doch dieses Mal würde sie nicht einfach klein beigeben.
„Ach, jetzt darf ich die Schlampe nicht einmal mehr anfassen?“ höhnte Yavus, seine Stimme voller abgrundtiefer Verachtung. „Ich sage dir was – ich werde dir das Leben zur Hölle machen. Dir und deinen Bastardkindern.“
Lyanara spürte, wie ihr Zorn jede Faser ihres Körpers durchströmte. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen. Doch es war nicht nur Wut – es war auch Angst. Angst um ihre Kinder.
„Wag es nicht, so über meine Kinder zu sprechen!“ Ihre Stimme war scharf wie eine Klinge, ihre Augen loderten vor Zorn.
Doch Yavus lachte nur kalt. „Oh, doch. Das werde ich. Ich werde dir Benehmen beibringen, und wenn ich mit dir fertig bin, sind Hyspheria und Arjuna dran.“
In diesem Moment zerbrach etwas in Lyanara. Die Angst, die sie so lange in Ketten gehalten hatte, verpuffte wie Rauch im Wind. Übrig blieb nur noch glühende Entschlossenheit.
Die Luft um Lyanara knisterte vor Spannung, und das helle, gleißende Licht der Flammen, die in Yavus’ Händen tanzten, warf verzerrte Schatten an die Wände der Kajüte. Yavus hatte seine Magie nie gegen sie verwendet, und doch wusste sie, dass er sie beherrschte – mächtig und zerstörerisch. Der Gedanke, dass er ihre Kinder bedrohte, war der letzte Funke, der ihre Angst in pure Wut verwandelte.
„Damit werde ich deine dreckigen Kinder brandmarken,“ fuhr Yavus mit einem finsteren Lächeln fort. „Damit jeder weiß, was für ein Miststück sie sind und was für eine schreckliche Mutter du bist.“ Seine Stimme war kalt, unnachgiebig.
Lyanara verkrampfte sich, der Schmerz in ihren Eingeweiden war fast körperlich, als er von ihren Kindern sprach. Doch sie wusste, sie durfte keine Schwäche zeigen.
„Aber zuerst bist du dran,“ fügte Yavus hinzu, seine Augen brannten mit unheilvollem Glanz, als er mit der Hand das Feuer formte, es sich zu einer gezackten, flammenden Klinge verformte, die bedrohlich in der Luft vibrierte.
Er trat näher, seine Schritte hallten durch den Raum, und jedes Geräusch schien wie ein Vorbote des Unheils, das auf sie zukommen würde. Die Hitze, die von ihm ausging, brannte an ihrer Haut. Doch sie ließ sich nicht von der Angst lähmen.
Lyanara wusste, dass sie handeln musste, bevor Yavus seine Magie voll entfesseln konnte. Sie atmete tief ein und sammelte sich. Ihre eigene Magie, die sich in den Tiefen ihres Wesens versteckte, kam wie eine längst vergessene Flut zurück. Sie konnte sie spüren, diese ungeheure, alte Macht, die in ihren Adern pulsierte.
„Du glaubst, du kannst mich so einfach brechen?“ Ihre Stimme war ruhig, doch in ihr loderte ein Feuer, das Yavus nicht sehen konnte. „Du weißt nicht, was du hier heraufbeschwörst.“
Yavus grinste. „Oh, ich weiß genau, was ich tue. Und du wirst es bereuen, dich gegen mich gestellt zu haben.“
Im selben Moment, als Yavus seine Magie erneut entfesselte, ein zorniges Flammengewitter, das auf Lyanara zusteuerte, handelte sie instinktiv. Ihre Bewegungen waren blitzschnell und präzise. Mit einem gekonnten Griff riss sie den Dolch von ihrem Gürtel, der in einem verborgenen Fach ruht. In einer einzigen fließenden Bewegung hob sie ihn, zielte und warf ihn mit tödlicher Genauigkeit.
Der Dolch durchbrach die Luft wie ein Silberblitz, und ehe Yavus überhaupt reagieren konnte, bohrte er sich tief in sein Herz. Ein scharfer, zischender Atemzug entfuhr ihm, als er für einen Moment wie erstarrt dasteht, die Flammen in seiner Hand erloschen, während der Dolch seinen Weg bis zum Griff in seine Brust fand.
„Du… du Miststück,“ krächzte er, und seine Augen weiteten sich vor schmerzlicher Überraschung. Die Magie, die er entfesseln wollte, erstarb in ihm, als die Luft aus seinen Lungen entwich. Mit einem erschöpften, heiseren Laut sank er zu Boden, der Dolch tief in seiner Brust steckend.
Lyanara atmete schwer, ihre Hand noch immer ausgestreckt, die letzten Reste ihrer eigenen Magie pulsierten in ihren Fingerspitzen. Ihr Herz raste, aber ihre Augen ruhen fest auf dem Mann, der nie wieder eine Bedrohung darstellen würde.
„Du bist nichts mehr als ein Schatten, Yavus. Ein Schatten, der sich endlich selbst ausgelöscht hat.“ sprach Lyanara mit Kräftiger Stimme "Entfessle niemal die Wut einer Mutter”
Er versuchte, sich zu bewegen, doch die Kraft verließ ihn schnell. Der Schmerz in seinem Gesicht war das letzte, was sie sah, bevor er die Augen schloss und in die Stille des Todes hinabglitt.
Lyanara stand noch einen Moment da, ihre Wut kippte langsam in Erschöpfung. Ihre Hand zitterte leicht, doch sie ließ den Blick nicht von Yavus’ leblosen Körper wenden. Sie hatte überlebt.
Kapitel 20
Doch plötzlich riss ein grelles, loderndes Licht Lyanara aus ihren Gedanken. Eine Flamme, die mit einer beängstigenden Geschwindigkeit die gesamte hintere Wand der Kajüte ergriff. Das Feuer brannte heißer und schneller als alles, was sie je erlebt hatte – es schien, als ob die gesamte magische Kraft von Yavus in diesen letzten, verzweifelten Ausbruch floss.
Panisch blickte Lyanara sich um, der Rauch stieg in dichten, schwarzen Wolken auf und verwehrte ihr die Sicht. Doch sie wusste, dass sie keine Zeit verlieren durfte. Ihr erster Gedanke galt ihren Kindern. Hyspheria und Arjuna mussten in Sicherheit sein, und sie durfte nichts unversucht lassen, um sie zu schützen.
„Nicht jetzt… nicht nach allem, was ich getan habe…“ murmelte sie fast verzweifelt, als die Flammen immer mehr Raum einnahmen und die Wärme immer unerträglicher wurde. Ihre Sinne waren scharf, der Geruch von verbranntem Holz und der beißende Dampf des aufkommenden Brandes füllten die Luft.
Mit einem schnellen Schritt eilte sie aus der Kajüte, ihr Herz raste, als sie durch die engen Korridore des Schiffes rannte. Das Feuer hatte einen so schnell wachsenden Einfluss, dass das ganze Schiff nun zu beben schien, als ob es sich gegen die Zerstörung wehrte. Lyanara wusste, dass sie die Kinder schnell finden musste, oder es wäre zu spät.
„Hyspheria! Arjuna!“ rief sie, ihre Stimme drang durch die lauten Geräusche des Feuers und das Knirschen des Schiffes. Sie jagte durch die Gänge, ihre Augen suchten in der Dunkelheit und dem Qualm nach ihren geliebten Kindern. Jeder Schritt war von einem wachsenden Gefühl der Dringlichkeit getrieben.
Lyanara rannte, immer weiter, der Atem flach und keuchend, die Hitze des Feuers brannte an ihrer Haut, und der dichte Rauch ließ ihre Lungen schmerzen. Die Flammen verzehrten das Schiff, zerrten an den Wänden und Riegeln, die sich unter ihrer eigenen wachsenden Panik bogen. Einzelne Elfen rannten an ihr vorbei, ihre Gesichter vom Terror gezeichnet, aber Lyanara konnte sich nicht aufhalten. Sie musste ihre Kinder finden. Vielleicht waren sie bereits auf dem Deck, vielleicht hatten sie es dorthin geschafft.
Sie stürmte nach oben, der Boden unter ihr vibrierte, als das Schiff unter den zerstörerischen Kräften des Feuers ächzte. Der Gang wurde immer enger, der Rauch immer dichter, und doch kämpfte sie sich weiter nach oben, bis sie schließlich das Deck erreichte. Ihre Augen suchten verzweifelt die weite Fläche, die von Feuer erhellt wurde. Doch überall, wohin sie blickte, waren nur die lodernden Flammen und die panischen Rufe von Elfen, die versuchten, einen Fluchtweg zu finden. Sie konnte ihre Kinder nirgendwo sehen.
„Hyspheria! Arjuna!“ Ihre Stimme war rau, sie rief ihren Kindern immer wieder zu, doch der Wind trug ihre Worte fort, und die Flammen verschluckten alles.
Plötzlich gab das Schiff einen unheilvollen Laut von sich, und Lyanara hörte das Zischen des brennenden Holzes über ihr. Dann – mit einem ohrenbetäubenden Knacken – krachte ein Balken der Bootsbalken direkt auf sie herunter. Sie hatte keinen Raum, auszuweichen. Die Wucht des Aufpralls ließ sie zu Boden stürzen, und der massive Balken landete auf ihrem Bein.
Ein Schmerz durchzuckte ihren Körper, als der Balken schwer auf ihrem rechten Unterschenkel lag. Benommen stöhnte sie auf und versuchte, sich aus der Falle zu befreien. Ihr Bein war in einer verdrehten Position, der Balken drückte mit einer erschreckenden Kraft darauf, und der Schmerz ließ ihr die Luft geraubt werden. Sie blickte hinunter, und ihr Magen drehte sich um, als sie den Knochen in ihrem Bein sah – zerbrochen, der weiße Knochen war deutlich zu sehen, umgeben von blutigen Wunden. Der Schmerz war unerträglich, doch sie durfte nicht aufgeben. Ihre Kinder… sie mussten sie finden.
Panisch zerrte sie an ihrem Bein, versuchte, den Balken zu bewegen, doch er war zu schwer. Ihre Hand griff nach ihrem Gürtel, wo sie ein paar Stoffstücke und einen Verband hatte, und versuchte verzweifelt, die Wunde zu decken, um das Blut zu stoppen. Doch der Schmerz und die Hitze des Feuers machten das alles nur noch schwerer. Die Flammen rückten immer näher, das Feuer war bereits so nah, dass sie das Knistern des brennenden Holzes auf ihrer Haut spürte.
Verzweifelt und mit einem letzten Funken Kraft sprang sie vom Deck. Die Flammen griffen nach ihr, und die Hitze verzehrte die Luft um sie herum. Sie sprang, ohne nachzudenken, in das eiskalte Meer darunter, das ihre brennende Haut umhüllte. Das Wasser kühlte die Flammen auf ihrem Körper, doch der Schmerz in ihrem Bein ließ sie beinahe bewusstlos werden. Sie tauchte unter, kämpfte gegen die Schmerzwellen an und kämpfte darum, wieder an die Oberfläche zu gelangen.
Doch in ihrem Kopf war nur ein Gedanke: Meine Kinder… ich muss sie finden.
Kapitel 21
Keuchend und benommen öffnete Lyanara ihre Augen. Die Sonne des frühen Morgens schien grell auf sie herab, ihre Wärme kroch über ihre Haut und ließ den Schmerz in ihrem Bein für einen Moment in den Hintergrund treten. Doch der Moment der Ruhe hielt nicht lange an. Panik stieg in ihr auf, als ihre Gedanken sofort wieder zu ihren Kindern zurückkehrten. Hyspheria! Arjuna!
Ihre Augen suchten verzweifelt die Umgebung ab, doch alles, was sie sah, war der endlose Strand, das beruhigende Rauschen der Wellen und das ferne, fast verheißungsvolle Licht des Morgens. Ihre Sinne waren benommen, aber sie konnte sich nicht von der Vorstellung befreien, dass ihre Kinder noch irgendwo da draußen waren – irgendwo sicher.
Mit einem kaum zu ertragenden Zucken in ihrem Bein versuchte sie sich aufzurichten. Doch der stechende Schmerz ließ sie fast zusammenbrechen, und sie stützte sich auf den Boden, keuchend vor Anstrengung. Ihr Bein war immer noch schwer verletzt, der Bruch fühlte sich an, als würde jeder Schritt durch einen eisernen Schmerz hindurchdringen. Doch der Gedanke an ihre Kinder trieb sie weiter an.
Langsam rappelte sie sich wieder auf, wankend, doch entschlossen. Ihre Hände griffen nach dem Boden, und mit einem verzweifelten Seufzer stand sie endlich vollständig. Der Schmerz war wie ein Beben in ihrem Körper, aber sie konnte sich nicht erlauben, schwach zu sein. Nicht jetzt, nicht nachdem ich schon so viel verloren habe.
Lyanara blickte sich um, ihr Blick suchte verzweifelt nach irgendeinem Hinweis auf ihre Kinder oder ihrer Familie. Und dann, in der Ferne, durch das Dämmerlicht des Morgens, entdeckte sie etwas – ein kleines Dorf, umgeben von grünen Hügeln, eine belebte Siedlung, die weit entfernt wirkte, aber ein Funken Hoffnung in ihr entfachte.
Vielleicht… vielleicht waren sie dort.
Der Gedanke an das Dorf war wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit. Vielleicht war dort jemand, der ihr helfen konnte. Vielleicht waren ihre Kinder dort, irgendwo, sicher und in Sicherheit vor dem Feuer, das sie fast zerstört hätte. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.
Mit einem schnellen Blick auf das Dorf und den zerrissenen Horizont, der sich vor ihr ausbreitete, setzte sie sich in Bewegung. Es war kein Laufen, sondern ein wanken, ein Stolpern, aber sie ging. Jeder Schritt war ein Kampf gegen den Schmerz in ihrem Bein, gegen die Erschöpfung, die ihren Körper durchdrang, aber sie kämpfte weiter.
Die Tränen, die unaufhaltsam über ihre Wangen liefen, verrieten die Zerbrechlichkeit, die sie versuchte zu verbergen. Die Wut, die Entschlossenheit, die Liebe zu ihren Kindern – all das war noch immer in ihr, wild und unaufhaltsam.
Sie würde ihre Kinder finden. Sie musste.